Höchsstauung des Sardar Sarovar-Damm eingeleitet

Von Christian Russau

56 Jahre nach der ersten Grundsteinlegung, ein Jahr nach Fertigstellung und Inbetriebnahme der letzten Turbinen des umstrittenen Sardar Sarovar-Damms am Narmada-Fluss im Bundestaat Gujarat in Indien hat die Flussaufsichtsbehörde des Bundesstaat die Genehmigung erteilt, alle 30 Schleusen des Dammes zu schließen, um die Füllung des Reservoirs von derzeit 121,92 Metern auf 138,68 Meter erstmalig zu erlauben, wie The Hindu Business Line nun berichtet. Gujarats Regierungschef Vijay Rupani nannte den Moment einen „goldenen Moment in der Geschichte von Gujarat.“

Als nicht so „goldenen Moment in der Geschichte“ dürften die vom Staudammbau betroffener Anwohner/innen die Flutung des Reservoirs ansehen. An die 40 Jahre hatten sie teils erbitterten Widerstand gegen das Sardar Sarovar-Damm-Projekt geleistet.

Der Narmada-Fluss ist mit über 1.312 Kilometern Länge der fünftlängste Fluss Indiens und bildet die geographische Grenze zwischen Nord- und Südindien. Von den insgesamt über 3.000 in Planung befindlichen Dämmen am Narmada ist der Sardar Sarovar-Damm, der größte und der umstrittenste.

Bereits in den 1940er Jahren entstanden erste Pläne den Narmada mehrfach zu stauen und durch die Mehrfachnutzung eine tiefgreifende Entwicklung für Indien zu erreichen: Das Wasser des Narmada sollte Strom und Trinkwasser für bis zu 30 Millionen Menschen liefern und durch Kanalbauten die Landwirtschaft bewässern, und so bis zu 20 Millionen Menschen ernähren helfen. Eine win-win-Situation? Es dauerte noch Jahrzehnte, bis begonnen wurde, diese Pläne umzusetzen.

Aber ab dem Jahr 1989 entstand ein ungeahnter Widerstand. Im Narmada-Tal, direkt am Fluss, trafen sich in jenem Jahr rund 50.000 Menschen, um gegen die Staudammpläne zu protestieren. Denn allein durch den ersten Damm, den Sardar Sarovar-Damm, mussten 30-40.000 Menschen zwangsumgesiedelt werden. Sollten die weiteren Pläne der indischen Regierung für weitere Dammbauten am Narmada-Fluss auch nur annähernd durchgesetzt werden, so wurde befürchtet, dass diese Zahl auf 200.000 Menschen steigen würde, darunter auch indigene Gruppen, die am und vom Fluss leben.

Im Jahr 1985 gewährte die Weltbank einen Kredit in Höhe von 450 Millionen US-Dollar für den Sardar Sarovar-Dammobwohl schon damals die Unvereinbarkeit des Projekts mit den sozialen und Umweltvorgaben publik gemacht worden war. Es war vor allem der Zusammenschluss Narmada Bachao Andolan, einer Koalition sozialer Bewegungen und Nichtregierungsorganisationen, die national wie international für lautstarken Widerstand und Protest sorgten.

Thayer Scudder war viele Jahre lang Weltbank-Berater und galt als einer der versiertesten Spezialisten weltweit für die sensiblen Fragen von Zwangsumsiedlungen durch Großstaudammprojekte. Nach einer persönlichen Untersuchung in des Projektes 1983 fiel sein Urteil eindeutig aus: „The worst resettlement I’ve ever seen anywhere in the world.“1 Doch trotz des internationalen Drucks blieb die Weltbank zunächst bei ihrem Plan, Narmada zu finanzieren.

Der internationale Druck stieg weiter an, kritische Presseberichte waren weltweit zu lesen. So schickte die Weltbank Thayer Scudder ein weiteres Mal nach Indien. Das Urteil seines Berichts fiel unverändert negativ aus. Er empfahl dringend die Umsetzung von neun Minimalkriterien, um überhaupt an eine Fortführung der Zusammenarbeit mit den Projektbetreibern zu denken. Doch, die Weltbank-Niederlassung in Indien wollte an ihren Erfolgszahlen für die Kreditvergabe festhalten und änderte die Meldung über den Bericht. Nach dem Scudder-Report gebe es bei der Umsiedlungen keine Probleme mehr. Um weiterer Kritik zu entgehen, änderte die Weltbank die Kreditbedingungen für das Narmada-Projekt dahingehend, dass die Vorlage eines Umsiedlungsplanes für Narmada als überhaupt nicht mehr notwendig erklärt wurde.

Doch dessen ungeachtet nahmen die negativen Presseberichte nicht ab – und auch der zivilgesellschaftliche Druck verstärkte sich zunehmend. Schließlich sah sich die Weltbank 1991 gezwungen, eine neue unabhängige Untersuchungskommission, die sogenannte Morse-Commission, einzuberufen, um das Projekt erneut zu prüfen.2 Das Urteil fiel vernichtend aus: Bradford Morse als Vorsitzender und Thomas R. Berger als sein Vize hatten in vielen Interviews vor Ort und mit Dokumentenstudium „fundamentale Fehler“ bei der Umsetzung des Sardar Sarovar-Projekts identifiziert.

We think the Sardar Sarovar Projects as they stand are flawed, that resettlement and rehabilitation of all those displaced by the Projects is not possible under prevailing circumstances, and that the environmental impacts of the Projects have not been properly considered or adequately addressed. Moreover, we believe that the Bank shares responsibility with the borrower for the situation that has developed.3

Aber noch immer war die Weltbank nicht bereit, die entsprechende Schlussfolgerung zu ziehen. So schickte sie ein weiteres Komitee zur Überprüfung des Sardar-Sarovar-Projekts nach Indien, das sogenannte Pamela Cox-Committee. Auch dieses fällte ein vernichtendes Urteil. Und damit änderte endlich auch die Weltbank ihre Meinung – und erklärte 1993 ihren Rückzug aus dem gesamten Narmada-Projekt.

Der Dammbau ging dennoch weiter, da die Regierung des Bundesstaats Gujarat die Finanzierung übernahm.4 Erst 1995 stoppte der Oberste Gerichtshof Indiens die Bauarbeiten, um sie im Jahr 2000 wieder freizugeben Das Gericht genehmigte allerdings für die Staumauer nur eine niedrigere Bauhöhe, als von den Bauherren gewünscht, aber immer noch höher als von den Gegner/innen gefordert. Die Höhe ist bei diesem Staudammprojekt von enormer Bedeutung, da sie über die Größe des gefluteten Terrains und damit der Anzahl der Umgesiedelten entscheidet.

Trotz all dem wurde das Sardar Sarovar-Projekt weitergebaut und die Menschen wurden umgesiedelt. Weder exakte Zahlen noch die Art und Weise der Zwangsumsiedlung sind bis heute publik gemacht worden, da das Oberste Gericht Indiens einer Überprüfung, wie die Umsiedlungspläne umgesetzt wurden, mehrheitlich abgelehnt hatte. Am 12. Juli 2016 war der Sardar Sarovar Damm in Betrieb genommen und gestern dann wurde die Höchststandflutung in Angriff genommen.

1Leslie, Jacques: Deep Water: The Epic Struggle over Dams, Displaced People, and the Environment, New York: Farrar, Straus and Giroux, 2007, S. 49.

2Bradford Morse & Thomas R. Berger: „Sardar Sarovar – Report of the Independent Review“, in: Ottawa: Resource Futures International, 1992 (Download unter: http://ielrc.org/Content/c9202.pdf).

3Bradford Morse & Thomas R. Berger: „Sardar Sarovar – Report of the Independent Review“, S. 1

4van Gelder, Jan Willem; van der Valk, Frank; Dros, Jan Maarten; Worm, Janette: The impacts and financing of large dams, Amsterdam/Castricum: AIDEnvironment/Profundo, S. 72-92 (Download: www.profundo.nl/files/download/WWF0211b.pdf).

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