Fisch – GegenStrömung https://www.gegenstroemung.org/web Mon, 14 Sep 2020 12:51:20 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=5.7.1 Studie: Fische im nördlichen Amazonasgebiet bei Quecksilber durch Goldwäsche über Grenzwerten verseucht https://www.gegenstroemung.org/web/blog/studie-fische-im-noerdlichen-amazonasgebiet-bei-quecksilber-durch-illegale-goldwaesche-ueber-grenzwerten-verseucht/ Mon, 14 Sep 2020 12:49:23 +0000 http://www.gegenstroemung.org/web/?p=2100 Eine im Juli dieses Jahres im International Journal of Environmental Research and Public Health eröffentlichte Studie weist über WHO-Grenzwerten liegende Quecksilberwerte in Speisefischen, dem Proteingrundnahrungsmittel der flussanwohnenden Indigenen Gemeinden, nach. Der Klein-Goldbergbau ist den Forscher:innen der staatlichen Oswaldo Cruz Stiftung (Fiocruz), dem WWF Brazil und dem Amapá Institut für Wissenschafts- und Technologieforschung IEPA sowie dem Institut für Indigenes Forschung und Training Iepé zufolge die Hauptquelle anthropogener Quecksilberemissionen und -kontaminationen in Lateinamerika. Im vergangenen Jahrhundert erfolgte die Hauptverseuchung von Umwelt und Bevölkerung durch den Verzehr von Fisch, ein Umstand, der angesichst der hohen Quecksilberwerte die Ernährungssicherheit und die Lebensgrundlagen der traditionellen Gemeinschaften gefährde, so die Forscher:innen. Die Untersuchung wurde im brasilianischen Nordamazonas, konkret im Bundesstaat Amapá, durchgeführt.

Für die Gemeinschaften im Amazonas ist Fisch schon immer ein wichtiger Bestandteil der Ernährung, bei der notwendigen Proteinzufuhr gar der wichtigste Faktor. In den nördlichen Ausläufern des Amazonas sind die vier wichtigsten Fischarten, die verspeist werden, der Studie zufolge Tucunaré, Pirapucu, Trairão und Mandubé. Doch der Goldbergbau hat diese Fische zu einem oft tödlichen Gesundheitsrisiko werden lassen. Laut der Studie lag der Quecksilbergehalt in Pirapucu viermal höher als der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) festgelegte sichere Grenzwert. Die Forscher:innen analysierten 428 Proben von Fischen, die zwischen 2017 und 2018 in fünf Flüssen im brasilianischen Bundesstaat Amapá gefangen wurden. Die Sammelstellen befanden sich in der Nähe von Bergbaueinzugsgebieten, in denen Quecksilber häufig zur Trennung von Gold und Erz verwendet wird. Das Ergebnis: In allen Proben wurden nachweisbare Quecksilbermengen gefunden. In 28,7% von ihnen überschritt die Menge den WHO-Grenzwert.

Die Studie weist vor allem auf die Risiken hin, denen die indigene und an Flüssen lebende Bevölkerung des Bundesstaates ausgesetzt ist, insbesondere Kinder. Einer der Mitverfasser der Studie, Paulo Basta, ein Arzt und Fiocruz-Forscher sagt, die Auswirkungen der Quecksilberbelastung auf ungeborene Kinder seien bereits gut dokumentiert. Diese Kinder „können Beeinträchtigungen des Intelligenzquotienten erleiden, die ihr ganzes Leben lang anhalten werden“, sagt er. „Sie werden Lernschwierigkeiten und geringere Chancen auf einen guten Arbeitsplatz und ein gutes Einkommen haben. Das Ergebnis ist ein ständiger Kreislauf von Ungleichheit und Armut“. In den schwersten Fällen kann das Kind mit Missbildungen geboren werden. Bei Erwachsenen kann die Quecksilberverunreinigung zu Koordinationsproblemen wie Gehschwierigkeiten und Handzittern, Hör- und Sehbehinderungen und sogar zu Demenz führen, so Basta. Der stellvertretende Exekutivdirektor des an der Studie beteiligten Instituts Iepé, Décio Yokota, ein weiterer Mitautor der Studie, sagt, dass Fisch aus dem untersuchten Gebiet von Menschen aus mindestens vier indigenen Gebieten verzehrt wird: Wajãpi, Uaçá, Juminã und Galibi. Für diese Populationen ist Fisch die Hauptproteinquelle und somit auch Hauptursacheder der Quecksilberverunreinigung bei menschen – dies infolge der Bioakkumulation. „Kleine Fische fressen die Algen, dann frisst ein grösserer Fisch die kleinen Fische und wird von anderen, noch größeren Fischen gefressen“, sagt er. „Deshalb stehen die am stärksten kontaminierten Fische in der Regel an der Spitze der Nahrungskette. Dabei reichern sie eine sehr grosse Menge Quecksilber an“, sagt er. Dies erklärt, so die Forscher:innen, warum Raubfische in der Studie die höchsten Kontaminationswerte aufwiesen: Bei 77,6% von ihnen lag das Quecksilber über dem WHO-Grenzwert. „Wenn man diese kontaminierten Fische jeden Tag ißt, erhöht sich der Kontaminationsgrad jedes Mal, wenn man sie ißt“, sagt Basta. Bei den allesfressenden Fischen, die sich sowohl von Fischen als auch von Pflanzen ernähren, lag der Anteil der mit unsicheren Quecksilberwerten kontaminierten Fische bei 20%, bei den pflanzenfressenden Fischen bei 2,4%.

// christian russau

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Fisch aus dem Rio Doce noch immer kontaminiert https://www.gegenstroemung.org/web/blog/fisch-aus-dem-rio-doce-noch-immer-kontaminiert/ Tue, 18 Jun 2019 14:20:50 +0000 http://www.gegenstroemung.org/web/?p=1924 Es gab mal wieder Streit um täglich essbare Menge kontaminierten Fischs aus dem durch Samarco biologisch zerstörten Fluss Rio Doce.

Seit dem Dammbruch von Mariana am 5. November 2015 ist am Fluss Rio Doce nichts mehr, wie es einmal war. Damals brachen sich Millionen Kubikmeter an Bergwerksschlamm aus der Eisenerz-Mine der Firma Samarco ihren Weg und ein Tsunami aus Schlamm zerstörte mehrere Dörfer, 349 Häuser, Schulen und Kirchen. Insgesamt starben 19 Menschen. Samarco ist eine Aktiengesellschaft, die zu gleichen Teilen im Besitz der australisch-britischen BHP Billiton Brasil Ltda. und der brasilianischen Vale S.A. steht.

Die Flüsse Rio Gualaxo do Norte, Rio do Carmo und Rio Doce wurden durch die Schlammreste stark verseucht, mit Schwermetallen wie Chrom, Blei, Kadmium und anderen Giftstoffen. Seither leben die Millionen Flussanwohner*innen entlang der 680 Kilometer Flusslauf im Angst, das aus dem Fluss aufbereitete Wasser als Trinkwasser zu genießen, aber auch Fisch aus dem Fluss zu essen. Zu groß ist die Angst vor den Schwermetallen und anderen Giften im Wasser. Tausende Kleinfischer*innen haben durch den Dammbruch und dessen Folgen für den Fluss ihre wirtschaftliche Lebensgrundlage verloren.

Nun aber gab es wieder einmal heftigen Streit um die Frage, ob der Fisch aus dem Fluss Rio Doce nun eßbar ist oder nicht. Und wieder einmal spielte die von Vale und BHP Billiton zur Behebung der langfristigen Schäden eingesetzte Stiftung Renova eine wenig ruhmvolle Rolle dabei, auch die nationale Behörde zur Überwachung von Gesundheitsbelangen Anvisa mischte mit und musste hinterher eine offizielle Klarstellung, die das eigene Vorgehen scharf kritisierte, mittragen. Was war geschehen?

Die Anvisa hatte eine Note herausgegeben, in der sie sich mit der Frage der Kontamination des Fischbestandes des Rio Doce auseinandersetzte. Darin geht die Bundesbehörde den in den Fischen und Krustentieren durchschnittlich gefundenen Werten bei Chrom, Nickel, Mangan, Eisen, Kupfer, Zink, Aluminium, Arsen, Kadmium, Blei, Quecksilber und Silber nach, wobei bei Quecksilber und Blei die höchsten Risikowerte für potentiell bleibende Schäden angesichts der angesammelten Mengen in Fischen und Krustentieren festgestellt wurden. Zum Schluss ließen sich die Anvisa-Mitarbeiter*innen dazu hinreißen, folgende Empfehlung auszusprechen: „Um die gesundheitlichen Auswirkungen von Quecksilber und Bleieinnahme zu minimieren, können zusätzliche Risikomanagementmaßnahmen ergriffen werden, wie beispielsweise Empfehlungen für den täglichen Fischkonsum von weniger als 200 g für Erwachsene und 50 g für Kinder.“

Die Stiftung Renova griff diesen Part eilig auf und veröffentlichte gleichsam triumphierend, die Behörde Anvisa habe Fisch- und Krustentierkonsum aus dem Rio Doce wieder als sicher eingestuft. Daraufhin erhob die Staatsanwaltschaft energischen Einspruch und warnte die Bevölkerung explizit vor Fischkonsum aus dem Rio Doce. Der öffentliche Streit kochte hoch und die Behörde Anvisa wurde öffentlich zurechtgewiesen, dass die technische Note nicht zur Bekanntmachung einer Handlungsempfehlung an die Bevölkerung befugt war, sondern dass die Erstellung dieser technischen Note nur dazu diente, den zuständigen Gremien, die sich letztlich mit diesen Fragen beschäftigen werden, eine entsprechende Datenbasis zur Verfügung zu stellen. Anvisa wurde auf einer gemeinsamen öffentlichen Sitzung von Staatsanwaltschaft und mehreren Bundes- und Landesbhörden öffentlich kritisiert und Renova scharf gerügt für ihre vorschnelle Publikmachung, Fisch- und Krustentiere aus dem Rio Doce seien wieder geniessbar. Das sind sie nämlich nicht.

// Christian Russau

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