Nicht nur in Europa schlägt die Klimakrise unerbittlich zu und lässt Flüsse versiegen. Auch in Amazonien ist sie spürbar. Verschärft wird die Situation durch einen drohenden mächtigen El Niño. Schon jetzt sinken die Pegel beispielsweise am Tapajós. Wer sich allerdings mit am Lautesten beklagt, ist die Wirtschaft, diejenigen aus dem Agrobusiness, die um die Lastkahnfahrten von Miritituba gen Atlantikhäfen bangen, wird dort doch mittlerweile ein nicht unerheblicher Teil des brasilianischen Sojas in alle Welt verschifft. Und die Regierungen – in Brasília wie in der Landeshauptstadt Belém – wollen dem Problem durch Ausbaggerungsarbeiten des Tapajós-Flusses gerecht werden. Doch sie haben nicht mit dem Widerstand der Menschen gerechnet, die am, vom und mit dem Fluss leben: den Indigenen, den Kleinfischer:innen, den Ribeirinhos und den unzähligen weiteren traditionellen Völkern und Gemeinschaften. Diese berufen sich auf die Verfassung und die von Brasilien ratifizierte Konvention Nummer 169 der ILO zum Schutze der Rechte der indigenen und traditionellen Völkern. Denn diese schreibt eine angemessene Konsultation vor, die in vorheriger, freier und informierter Konsultation ablaufen muss – was bisher nicht geschieht. So schwelt am Tapajós ein Konflikt um Wirtschaft und Wasser, um Logistik und Lebenswelt.
Von Christian Russau
Wer die Beiträge von GegenStrömungs seit Jahren regelmäßig verfolgt, kennt einen guten Teil der Probleme des Tapajós: Monströse Pläne mit Groß- und mittelgroßen Staudämmen zur Energieerzeugung, vermeintlich „kleine“ Wasserkraftwerke, die in anderen Staaten dieser Erde gemeinhin als schon als groß definiert werden müssten, Quecksilberverseuchung durch den oft auch illegalen Goldbergbau und das Goldwaschen, mangelnde Demarkation indigener Territorien, Menschenrechtsverletzungen an Indigenen und weiteren Angehörigen traditioneller Völker und Gemeinschaften, ein oft abwesender, an Menschenrechten leider oft eher desinteressierter Staat, eine boomende Wirtschaft aus Sojabaronen und Bergbaukonzernen und, wie sich nun wieder zeigt, das Aufeinanderprallen unterschiedlichster Interessen, die sich dort vor Ort an der konkreten Frage festmacht: Ist der Tapajós nun ein Logistikkorridor oder eine Lebenswelt?
Nach Angaben der brasilianischen Bundesregierung komme der Binnenschifffahrt auf dem Tapajós für den Abtransport landwirtschaftlicher Erzeugnisse und der Versorgung des westlichen Pará, nicht nur hin zum Amazonas, eine strategische Bedeutung zu. Der Güterumschlag konzentriert sich hauptsächlich auf Schüttgüter, insbesondere Soja und Mais aus Mato Grosso, die über die BR-163 zu den Terminals von Miritituba in Itaituba transportiert werden. Von dort aus werden die Ladungen auf Lastkähnen zu den Häfen von Santarém und Barcarena transportiert, von wo aus sie exportiert werden. Im Jahr 2025 machten Soja und Mais 88,4 % des Güterumschlags auf der Wasserstraße aus. Auch beim Transport von Erdöl und Erdölerzeugnissen war ein Wachstum von 40 % zu verzeichnen, und der Umschlag von Düngemitteln stieg um 46,8 %.“ (Quelle: hier)
Mehr Soja und Mais transportiert, per Wasserstraße auf dem Schiffsweg, CO₂-Emissionen von – so die Aussage Brasílias – 2.300 LkW-Fahrten eingespart und Kosten gespart: So sieht Entwicklung aus – lobhudeln die Logistikbranche und das Agrobusiness. Und Brasília sieht das Potential von Entwicklung, von gar enormer Entwicklung: „Die Tapajós-Wasserstraße ist von strategischer Bedeutung für den Transport von agrarischen Schüttgütern, die hauptsächlich aus Mato Grosso stammen und zum Umschlag in für den Seeverkehr geeigneten Hafenanlagen in Santarém, Santana oder Barcarena weitergeleitet werden. Gleichzeitig deuten die Prognosen auf ein kräftiges Wachstum der Wasserstraße in den kommenden Jahren hin, insbesondere wenn der Ausbau der BR-163 erfolgt und die Bauarbeiten an der Ferrogrão-Bahnlinie umgesetzt werden. Vorläufige Studien des DNIT belegen das Potenzial für die Eignung dieses Abschnitts für die Küsten- und Fernschifffahrt, sofern eine Korrektur-Ausbaggerung und eine Vertiefung des Fahrwassers erfolgen. In diesem Szenario könnte das Transportaufkommen höher ausfallen als geplant.“ In konkreten Zahlen: 2015 lag der Transport von Schüttgütern auf der schiffbaren Strecke des Tapajós, also zwischen Itaituba/Mirituba, wo die Getreide- und Soja-Silos am Ende der Bundesstraße BR-163 stehen, bei 1.812.246 Tonnen. 2020 lag dieser Wert bei 13.342.700 Tonnen. Und im Jahre 2035, so die Regierungsprognose, könnten auf dem Rio Tapajós ganze 66.546.858 Tonnen transportiert werden.
Was in den Chefetagen der Wirtschaft und der Politik Jubel und glänzende Augen auslöst und entsprechende Aussichten eröffnet – seit Jahren wird in Brasília für den Ausbau der Wasserstraßen lobbyiert, im Fall des Tapajós könnte ein Ausbau eine Kostenersparnis von satten 41 Prozent beim Transport der Produkte bedeuten -, dies bewirkt bei anderen Sorge, Kummer, Panik, Wut.
Anfang dieses Jahres hatten Vertreter:innen von mindestens 14 Indigenen Völkern der amazonischen Großregion über einen Monat lang die Zufahrt zu einem der größten Soja-Terminals in Santarém blockiert. Medienberichten zufolge war der Camp-und-Blockade-Protest zwischenzeitlich auf 1.200 Personen angewachsen. Die Forderungen der protestierenden Indigenen war eindeutig: Keine politischen Entscheidungen, „die unsere Flüsse betreffen, ohne dass wir angemessen in freier, vorheriger und informiert Konsultation angehört wurden!“
Die Blockade des Soja-Terminals richtete sich einerseits gegen das von den protestierenden Indigenen als „Privatisierung der Flüsse“ titulierte Dekret der brasilianischen Bundesregierung – „DECRETO Nº 12.600, DE 28 DE AGOSTO DE 2025„, das offiziell unter dem Motto, „die Aufnahme öffentlicher Bundesprojekte im Bereich der Wasserstraßen in das Nationale Entstaatlichungsprogramm zu regeln“, lief – also genau das, was die indigenen Kritiker:innen monierten: eine Privatisierung der Flüsse. Die über einen Monat andauernde – durchaus als massiv zu bezeichnende – Blockade in Santarém bewog Brasília zur Rücknahme des Dekrets (deswegen ist der Dekret-Text in der aktuellen Verlinkung komplett durchgestrichen).
Andererseits richteten sich die indigenen Proteste aber auch gegen die aktuellen Ausbaggerungsarbeiten in der Flusstrecke zwischen Itaituba/Miritituba und Santarém. Um den bereits bestehenden Schiffsverkehr des (vor allem Soja-)Transports fortzusetzen, wurden Ende vergangenen Jahres von den Behörden im Flussbett des Tapajós die Ausbaggerungsarbeiten der Sedimentablagerungen in die Wege geleitet. Diese Arbeiten sind laut den Landesbehörden zur Aufrechterhaltung des bereits bestehenden Schiffsverkehr angesichts der anhaltenden Dürre und den damit einhergehenden niedrigen Wasserpegeln notwendig. Die Fahrrinnen müssten von Sedimentablagerungen freigehalten werden. Nur so ließe sich das Transportvolumen der Frachtkähne in Höhe von 16,8 Millionen Tonnen wie im Jahr 2025 halten, ganz zu schweigen von den Plänen, im Jahre 2035 bis zu 66.546.858 Tonnen auf dem Tapajós zu transportieren.
Die in Santarém protestierenden Indigenen betonten, dass ihr Kampf sich gegen ein Projekt richtet, „das den Tapajós in eine Exportroute, einen Korridor für den Transport von Soja, verwandeln will und dabei diejenigen ignoriert, die seit Generationen in diesem Gebiet leben, es pflegen und dort existieren. Der Tapajós ist nicht nur ein Fluss, er ist die Heimat von Fischen, Tieren, Pflanzen, Menschen und den Verzauberten, er ist ein lebendiges, uraltes und heiliges Gebiet.“ Die Indigenen vom Tapajós argumentieren, dass „Eingriffe in den Tapajós das Leben, das in seinen sichtbaren und unsichtbaren Gewässern existiert, zutiefst verletzen und Körper, Geist und ihre Art, in der Welt zu existieren, erschüttern“, und dass sie sich deshalb zur Wehr setzen. Der Tapajós ist für sie nicht ein „Logistikkorridor“, sondern der Fluss ist ihre Lebenswelt.
Die Zivilgesellschaft jedenfalls äußerte sich deutlich: „Die Comissão Pastoral da Terra (CPT) und der Conselho Pastoral dos Pescadores e Pescadoras (CPP) des Erzbistums von Santarém stellen mit dieser öffentlichen Erklärung ihre tiefe Empörung und ihren entschiedenen Widerstand gegen die für den Tapajós-Fluss geplanten Privatisierungsprojekte mit Ausbaggerungsarbeiten dar, Arbeiten, die ausschließlich den privaten wirtschaftlichen Interessen multinationaler Getreideunternehmen weltweit dienen. Der Tapajós-Fluss ist nicht eine einfache Wasserstraße. Der Fluss war schon immer ein Lebenssystem, ein pulsierendes Lebewesen, das den Wald erhält, das das Klima reguliert, das eine unvergleichliche Artenvielfalt beherbergt und das vor allem die physische, kulturelle und spirituelle Existenz der Flussanrainer:innen und indigenen Völker sichert, die diesen seit Jahrhunderten schützen und aus ihm ihren Lebensunterhalt beziehen.“
Und Brasiliens Bundesstaatsanwaltschaft schlug sich ebenfalls eindeutig auf die Seite der protestierenden Indigenen: „Die Bundesstaatsanwaltschaft sieht durch die Ausbaggerungsarbeiten die Gefahr einer Freisetzung von Schwermetallen wie Quecksilber und von Sedimenten, wodurch die Wasserqualität und das Leben im Wasser beeinträchtigt werden und dass eine direkte Gefahr für die Gesundheit der Menschen entstehe, die dieses Wasser und seine Fische konsumieren. Des Weiteren sieht die MPF die Gefahr einer Schädigung der Fischbestände und anderer Wasserorganismen, die die Grundlage der Nahrungskette bilden, aufgrund der Trübung des Wassers und Veränderungen im Ökosystem, was sich direkt auf die Fischerei und die Ernährungssicherheit der Flussufer- und indigenen Gemeinschaften auswirkt, die von diesen Ressourcen abhängig sind. Die MPF sieht auch die Gefahr der Zerstörung und Störung von Lebensräumen, die für die Fortpflanzung, Ernährung und Migration bedrohter Arten wie Delfine, Amazonas-Manatis, Schildkröten und Wasservögel von entscheidender Bedeutung sind. Weitere Argumente der MPF in der Berufung sind die Tatsache, dass die Entscheidung des Bundesgerichts in Santarém die Berichte der indigenen Führungskräfte der potenziell betroffenen traditionellen Völker und Gemeinschaften, die in der Anhörung angehört wurden, nicht berücksichtigt hat, und dass sich das Bundesgericht in Santarém nicht zu der Verletzung des Rechts der traditionellen Völker und Gemeinschaften auf freie, vorherige und informierte Konsultation geäußert hat, das durch das Übereinkommen Nr. 169 der ILO garantiert ist, und dass die Entscheidung die Logik des Vorsorgeprinzips in Umweltfragen umkehrte, indem sie von der MPF den Nachweis des konkreten Schadens durch die Baggerarbeiten verlangte, obwohl es Aufgabe des Unternehmens gewesen wäre, das Fehlen signifikanter Auswirkungen nachzuweisen.“
Mitte Juli dieses Jahres haben indigene Führungskräfte, Vertreter:innen traditioneller Völker und Gemeinschaften, soziale Bewegungen, sozial-ökologische Organisationen auf einer gemeinsamen Veranstaltung mit der Bundesstaatsanwaltschaft MPF ihr Engagement für Zusammenarbeit im Hinblick auf eine demokratische Wasserbewirtschaftung im Einzugsgebiet des Tapajós bekräftigt. Während einer öffentlichen Sitzung im Hauptsitz der MPF in Santarém wurden Strategien erörtert, um einen Flussgebietsausschuss für den Tapajós („Comitê da Bacia do Tapajós“, siehe hierzu auch die Meldung bei KoBra) zu gründen, der eine wirksame Beteiligung der Bevölkerung gewährleisten und die territoriale, kulturelle und soziale Vielfalt der Region widerspiegeln soll. Die Einrichtung eines solchen Ausschusses dürfe nicht nur zu einer formalen Beteiligung führen. Vertreter:innen der Zivilgesellschaft wiesen auf die ungleichen Bedingungen zwischen den Großunternehmen und den lokalen Bevölkerungsgruppen hin, die direkt vom Fluss abhängen für Ernährung, für Transport, ihre Arbeit, für ihren Lebensunterhalt, den Tourismus und auch für den kulturellen Fortbestand ihrer Gemeinschaftlichkeiten. So müsse ein zukünftiger Flussgebietsausschuss für den Tapajós sicherstellen, dass in einem solchen genug Teilhabe für indigene Völker, für Flussanrainer:innen, für Quilombolas, für Kleinfischer:innen und Sammler:innen und weitere traditionelle Gemeinschaften gewährleistet seien. Es wurde zudem gefordert, dass die indigenen und traditionellen Vertreter:innen von ihren Gemeinschaften selbst ausgewählt werden, jeweils entsprechend ihren eigenen Organisationsformen und ihren Protokollen zur vorherigen, freien und informierten Konsultation.
Auf dem Planungstreffen zur künftigen Gründung eines Flussgebietsausschuss für den Tapajós wurde zudem vorgeschlagen, den Mobilisierungs- und Organisationsprozess auf den Oberen, Mittleren und Unteren Tapajós sowie auf die Regionen der Flüsse Juruena und Teles Pires auszuweiten. Und es solle dezentrale Treffen und Anhörungen geben sowie an die Organisierung von regionalen Ausschüssen, strukturiert nach Teil-Einzugsgebieten des Pajaós-Einzusgebiet, sowie die Schaffung territorialer Strukturen gedacht werden. Ziel sei es, zu verhindern, dass Gemeinschaften, die weit von den städtischen Zentren entfernt liegen, aufgrund von Reiseschwierigkeiten oder fehlender finanzieller Mittel von den Diskussionen ausgeschlossen werden. Ziel ist auch, so viel ist klar, die Demokratisierung der Entscheidung, wem gehört der Tapajós?
Kommt nun in 2026 ein mächtiger El Niño, so sagen die Prognosen heftige Dürren für die Tapajós-Region voraus, mit drastisch sinkenden Pegeln, zurückgehenden Schiffstransports, was laut Wirtschaft und Politik weitere Aushubarbeiten im Tapajós-Fluss notwendig machen würde, – Arbeiten allerdings, von denen sich die Indigenen und weiteren traditionellen Völker und Gemeinschaften am Tapajós durchaus zu Recht extrem bedroht sehen. Der Konflikt wird aller Voraussicht nach in den kommenden Monaten nicht nur weiter schwelen, er könnte sich zuspitzen.






