„Letzter Messwert: 12.08.2026, 08:45 Uhr: 10 cm“. Dies ist der letztgemessene Wasserstand des Rheinpegels bei Kaub, zu Beginn des Schreibvorgangs an diesem Text. Rhein bald zweigeteilt, Wirtschaftsschaden für Industrie, der Ruf nach Sofortmaßnahmen allenthalben. Und der neue Bundesverkehrsminister, Steffen Bilger, schlägt allen Ernstes vor, die sonst viel von Schüttgutkähnen befahrenen Flüsse an den Niedrigstellen tiefer auszubaggern: „Deswegen brauchen wir einen Ausbau der Wasserstraße, um langfristig für mehr Zuverlässigkeit zu sorgen“, so wird er von der Tagesschau zitiert.
Das ist natürlich Unfug. Wenn davon auszugehen wäre, dass der Bundesverkehrsminister ja eigentlich einen nicht kleinen Stab an Fachleuten mit wissenschaftlicher Expertise in seinem Ressort haben sollte, dann sollte ihm diese wissenschaftliche Expertise bereits dargelegt haben, dass seine Idee der Flussvertiefung die Rate des Wasserabflusses erhöht, einen deutlichen Eingriff ins Ökosystem darstellt und somit Biodversitätsrisiken bis hin zur Gefährdung des Grundwasserspiegels bedeutet, was letztlich auch die Gefahr birgt, dass die anrainenden Wasserwerke Gefahr laufen, bei der Nutzung des Uferfiltrats noch weiter in die Tiefe graben zu müssen. Wenn also davon auszugehen wäre, dass diese Expertise im Bundesverkehrsministerium vorhanden ist, und der Minister dennoch die Rheinvertiefung als Symptombehandlung gegen die Klimakrise vorschlägt, dann, ja, dann, ist es natürlich nicht nur Unfug, sondern mindestens schon Richtung grob fahrlässiger Unfug.
Da wir bei der Frage nach grob fahrlässigem Unfug sind, der sich an der Grenze zum Vorsatz befindet, stellt sich die Frage, warum jetzt diejenigen Stimmen, die sich am lautesten äußern zu geforderten Maßnahmen der Symptombehandlung genau diejenigen sind, die historisch die meisten CO2-Emissionen und somit die Klimakrise vorrangig zu verantworten haben: die Fossilenergieindustrie, die Stahlindustrie, die chemische Industrie, die Bau- und Zementindustrie, vor allem also jene, die zufällig ihre Niederlassungen auch an den Flüssen wie dem Rhein und dessen Einzugsgebieten haben.
Wir brauchen nicht noch mehr ausgebaggerte, tiefergelegte, als Wasserstraßen konzipierte, begradigte Flüsse, wir brauchen keine vorgeschobene Symptombehandlung, die noch mehr Kollateraleffekte bewirkt, als dass sie Linderung verschafft. Wir brauchen lebendige Flüsse, wir brauchen endlich mehr wieder frei fließende Flüsse, wir brauchen mehr Wasser in der Landschaft und brauchen es in der Fläche, wir brauchen Bodenentsiegelung, wir brauchen Moore und Sümpfe, Auwälder und naturnahe Überschwemmungsflächen, wir brauchen mehr biodiverse Landwirtschaft, wir brauchen eine massive Senkung der CO2-Emissionen und zwar bei den Hauptverursachern, wir brauchen eine entschlossene Politik zur Bekämpfung der Klimakrise, deren Umsetzung sozial gerecht ist und in erster Linie bei den bisherigen, auch historischen Verursachern und Profiteur:innen ansetzt. Die Liste muss jetzt hier enden, denn sonst wird sie zu lang für einen kurzen Text am Morgen, obwohl sie noch dringend fortgeführt und ausgebaut werden müsste.
Besteht angesichts so viel grob fahrlässigen Unfugs noch Aussicht auf das Prinzip Hoffnung? Vielleicht gibt uns der Pegel in Kaub ja ein Zeichen? „12.08.2026 09:15 Uhr, 11 cm„. Immerhin, während des Schreibens dieses Textes ein Zentimeter mehr. Wenn das nicht ein Zeichen ist!
Ist es eines? Oh nein, oh weh: „12.08.2026 09:30 Uhr, 10 cm„.






