Am 23.07.2026 veröffentlicht Ríos to Rivers und die Rivers for Climate (R4C) Koalition eine Pressemitteilung als halbjähriges Update ihrer Arbeit und Recap der Teilnahme an den SB64 in Bonn. R4C ist ein Netzwerk, an dem GegenStrömung beteiligt ist und das eine koordinierte globale Initiative vorantreibt. Ihr Ziel ist es, Flüsse wieder in den Mittelpunkt von Klimaschutzlösungen zu stellen und einen zentralen Missstand in der Klimafinanzierung zu beheben: die anhaltende Förderung großer Wasserkraftwerke.
Im Rahmen ihrer „UnDam“-Kampagne setzen sie sich in den Bereichen Wissenschaft, Politik, Öffentlichkeitsarbeit und Basisbewegungen dafür ein, sicherzustellen, dass Klimainvestitionen Ökosysteme schützen, Rechte wahren und zu messbaren Emissionsminderungen führen.
Die ursprüngliche Mitteilung kann hier gefunden werden. Im Folgenden kommt die deutsche Übersetzung:
Weltweit werden Staudämme abgerissen. Das Klimasystem der UNO belohnt sie jedoch weiterhin.
Während weltweit immer mehr Staudämme abgerissen werden, enthält der neue CO₂-Markt der Vereinten Nationen weder Vorschriften, wonach Staudämme ihre Emissionen messen müssen, noch einen Finanzierungsplan für frei fließende Flüsse, die an ihre Stelle treten könnten.
In den Vereinigten Staaten und weltweit werden Staudämme abgerissen. In einer Entwicklung, die die „New York Times“ kürzlich als historische Wende bezeichnete („America the Undammed“, 7. Mai 2026), wurden in den letzten Jahren Hunderte veralteter Staudämme entfernt, wodurch Flüsse wieder frei fließen können und die Ökosysteme, Fischbestände und Gemeinden, die von ihnen abhängig sind, wiederhergestellt wurden. Der Abriss von vier Staudämmen am kalifornischen Klamath River – das größte Staudamm-Abbauprojekt in der Geschichte der USA – hat bereits dazu geführt, dass Lachse in Gewässer zurückgekehrt sind, die sie seit über einem Jahrhundert nicht mehr erreicht hatten.
Doch während Ingenieure auf der einen Seite Dämme abbauen, belohnen die Vereinten Nationen sie auf der anderen Seite stillschweigend.
Vertreter*innen der „Rivers for Climate Coalition“ und von „Ríos to Rivers“ kehrten diesen Monat von den Klimaverhandlungen der Vereinten Nationen in Bonn, Deutschland (SB64, 14.–18. Juni 2026), mit einer beunruhigenden Erkenntnis zurück: Der internationale Kohlenstoffmarkt vergibt Klimagutschriften an große Staudammprojekte, ohne von diesen zu verlangen, dass sie die von ihnen verursachten Treibhausgase messen, geschweige denn bilanzieren. Mit anderen Worten: Während Gemeinden und Regierungen weltweit Staudämme abreißen, um Flüsse wiederherzustellen, behandelt das neue CO₂-Gutschriftsystem der UN, bekannt als „Paris Agreement Crediting Mechanism“ (PACM), genau diese Staudämme als Klimalösungen.
Die Ironie geht über die Politik hinaus. Immer mehr wissenschaftliche Untersuchungen deuten darauf hin, dass Stauseen hinter Staudämmen möglicherweise für bis zu 6 % aller vom Menschen verursachten Methanemissionen weltweit verantwortlich sind, wodurch Staudämme und Stauseen potenziell zu den größten Einzelquellen anthropogener Treibhausgase auf dem Planeten zählen (Harrison et al., 2021, sowie die LATimes). Dennoch kann ein Staudammprojekt nach den derzeitigen Vorschriften Emissionszertifikate beantragen und erhalten, ohne dass eine Verpflichtung besteht, das Methan und Kohlendioxid zu messen, das aus dem Stausee aufsteigt, durch die Turbinen entweicht oder durch die Zerstörung von Feuchtgebieten flussabwärts freigesetzt wird.
„Es gibt keine Vorschrift, gemäß der Staudammprojekte ihre eigenen Emissionen messen müssen, bevor sie Emissionszertifikate verkaufen dürfen. Das ist so, als würde man einer Fabrik erlauben, sich ohne Emissionsprüfung als Klimalösung zu bezeichnen. Das untergräbt den gesamten Zweck des Emissionshandels.“
— Hayley Stuart, Global Director, Ríos to Rivers
Was sind Emissionszertifikate und warum sind sie von Bedeutung?
Emissionszertifikate sind Zertifikate, die von Projekten verkauft werden, die behaupten, Treibhausgase zu reduzieren oder aus der Atmosphäre zu entfernen. Regierungen und Unternehmen kaufen sie, um – theoretisch – ihre eigenen Emissionen „auszugleichen“. Das Pariser Abkommen hat in Artikel 6.4 ein neues internationales System zur Vergabe dieser Zertifikate geschaffen, das derzeit ausgearbeitet und umgesetzt wird.
Das Problem besteht darin, dass das neue System keinen methodischen Standard vorsieht, der große Wasserkraftprojekte dazu verpflichtet, ihre Emissionen über den gesamten „Lebenszyklus“ hinweg zu erfassen – einschließlich der Gase, die aus gefluteten Stauseen, durch Turbinen, während der Bauphase und durch die Zerstörung von Feuchtgebieten flussabwärts freigesetzt werden. Ohne diese Anforderung können Staudammprojekte so in den Emissionshandel eintreten, als wären sie emissionsfrei, und Zertifikate für saubere Energie sammeln, während ihre unsichtbaren Emissionen unberücksichtigt bleiben.
Die „Rivers for Climate Coalition“ steht mit ihrer kritischen Betrachtung des CO₂-Marktes nicht allein da. Viele zivilgesellschaftliche Organisationen und indigene Gruppen lehnen den CO₂-Ausgleich gänzlich ab und argumentieren, dass er es wohlhabenden Nationen und Unternehmen ermögliche, weiterhin die Umwelt zu verschmutzen, indem sie Gutschriften aus Projekten auf indigenen und gemeinschaftlichen Gebieten im Globalen Süden erwerben – eine Praxis, die Kritiker als „Kohlenstoffkolonialismus“ bezeichnen. Die Koalition teilt diese Bedenken hinsichtlich der Rechenschaftspflicht und der Rechte indigener Gemeinschaften, und genau deshalb ist es so wichtig, die methodischen Standards richtig zu gestalten.
Unsere Stellungnahmen zum UN-Kohlenstoffmarkt
Im Anschluss an die Konferenz in Bonn reichten die Koalition und ihre Partner*innen formelle Stellungnahmen beim Aufsichtsgremium gemäß Artikel 6.4 zu zwei entscheidenden Arbeitsbereichen ein: dem Entwurf des methodischen Rahmens für den Gutschriftenmechanismus des Pariser Abkommens und dem Instrument für nachhaltige Entwicklung gemäß Artikel 6.4. In unseren Stellungnahmen forderten wir das Aufsichtsgremium auf, vor der Genehmigung jeglicher Methodik eine Lebenszyklus-Bilanzierung der Treibhausgasemissionen für alle Wasserkraftprojekte vorzuschreiben, einschließlich Methan aus Stauseen, Entgasung von Turbinen und Auswirkungen auf flussabwärts gelegene Feuchtgebiete. Außerdem forderten wir, dass das Instrument zur nachhaltigen Entwicklung wirksame Schutzmaßnahmen für Süßwasserökosysteme sowie für die indigenen und vom Fluss abhängigen Gemeinschaften vorsieht, die auf diese Ökosysteme angewiesen sind. Diese Stellungnahmen stellen einen formellen Einstieg in den Regelungsprozess dar, und wir werden uns weiterhin engagieren, während sich die Methodikentwürfe im Vorfeld der COP31 weiterentwickeln.
Flüsse sind Lösungen für den Klimaschutz. Das Finanzsystem muss dies anerkennen.
Die Koalition will nicht nur bestehende Missstände beheben, sondern auch neue Möglichkeiten erschließen: Die Renaturierung frei fließender Flüsse und der Abriss veralteter Staudämme sollen offiziell als Klimainvestitionen anerkannt werden, die für internationale Klimafinanzierungen in Frage kommen.
Unter „Finanzierung der Klimaanpassung“ versteht man Mittel, die Länder und internationale Institutionen aufwenden, um Gemeinden dabei zu helfen, sich auf die Auswirkungen des Klimawandels vorzubereiten – darunter heftigere Überschwemmungen, sich verschärfende Dürren, steigende Meeresspiegel und gestörte Nahrungsmittelsysteme. Gesunde Flüsse gehören zu den kosteneffizientesten natürlichen Hilfsmitteln, die für genau diese Herausforderungen zur Verfügung stehen. Frei fließende Flüsse dämpfen Hochwasser, füllen das Grundwasser wieder auf, sichern die Fischbestände, von denen die Gemeinden für ihre Ernährung abhängig sind, und transportieren Sedimente und Nährstoffe, die flussabwärts Küstenlinien, Korallenriffe und Mangroven aufbauen und schützen.
Dennoch finden Flüsse und Süßwasserökosysteme im UN-Klimarahmenwerk so gut wie keine Beachtung. Es gibt keine speziellen Finanzierungswege, keine Methoden zur Vergabe von Emissionszertifikaten für die Renaturierung von Flüssen und kaum Erwähnungen in den nationalen Klimaplänen. Die Milliarden Dollar, die über internationale Klimafinanzierungsmechanismen fließen, gehen weitgehend an ihnen vorbei.
„Flüsse sind nicht nur Ökosysteme. Sie sind die Lebensader vieler indigener Kulturen, Ernährungssysteme und Identitäten auf der ganzen Welt. Wenn Flüsse hinter Staudämmen verschwinden oder wenn Staudammprojekte ohne Rechenschaftspflicht Klimagutschriften einbringen, sind es die indigenen Gemeinschaften, die den Preis dafür zahlen. Ihre Stimmen müssen in diesen Gremien Gehör finden.“
— Hayley Stuart
Aus diesem Grund bildet „Ríos to Rivers“ indigene Jugendliche aus und bindet sie gemeinsam mit der Koalition in den internationalen Klimaverhandlungsprozess ein – sowohl als Teilnehmer*innen als auch als Fürsprecher*innen. Auf Konferenzen wie dieser werden Entscheidungen getroffen, die die Klimapolitik für Jahrzehnte prägen werden. Die Gemeinschaften, die von diesen Entscheidungen am stärksten betroffen sind, sind oft am wenigsten vertreten.
Das Momentum nutzen, wachsam bleiben, auf die COP31 hinarbeiten
Nach der Rückkehr aus Bonn hat die Koalition ein klareres Bild sowohl von der Dringlichkeit dieser Arbeit als auch von den vor uns liegenden Chancen. Der Raum für Fluss-Advocacy wächst. Wissenschaftler*innen, indigene Organisationen, Naturschutzgruppen, Rechtsaktivist*innen und Expert*innen für Klimafinanzierung sind sich zunehmend einig: Flüsse gehören auf die globale Klimaagenda, und die blinden Flecken des derzeitigen Systems dürfen nicht weiter bestehen bleiben.
Gleichzeitig verändert sich das politische Umfeld rasant, und die Entscheidungen, die derzeit innerhalb des Aufsichtsgremiums gemäß Artikel 6.4 getroffen werden, werden den CO₂-Markt auf Jahre hinaus prägen. Die Koalition verfolgt die Entwicklungen aufmerksam und bringt sich bei jeder Gelegenheit ein.
In diesem Sommer analysieren wir einen wichtigen neuen technischen Bericht der Vereinten Nationen zu Methoden der Stromerzeugung, der voraussichtlich Ende Juni erscheinen wird und Aufschluss darüber geben wird, ob das Emissionsgutschriftensystem des Pariser Abkommens die Emissionen aus der Wasserkraft berücksichtigt oder außer Acht lässt. Die Ergebnisse werden direkt in unsere nächste Runde des fachlichen Austauschs mit dem Aufsichtsgremium einfließen.
Im September werden wir uns am Forum des Ständigen Finanzausschusses der Vereinten Nationen zum Thema Wassersysteme und Meeresfinanzierung beteiligen und dort für spezielle Finanzierungswege für Süßwasser eintreten. Und im November wird die Koalition an der COP31 in Antalya, Türkei, teilnehmen, wo Australiens Ko-Vorsitz, seine symbolträchtigen Flusssysteme und seine enge Partnerschaft mit den Pazifikinseln – deren Küstengemeinden direkt von gesunden Flüssen im Oberlauf abhängig sind – diesem Anlass strategische Bedeutung verleihen. Wir bauen die Koalition aus Staaten, Wissenschaftler*innen und Vertreter*innen lokaler Gemeinschaften auf, die wir brauchen, um Flüsse zum ersten Mal zu einem festen Bestandteil der globalen Klimalösung zu machen.
Über „Ríos to Rivers“ / „Rivers for Climate Coalition“
„Ríos to Rivers“ (Ríos) ist eine gemeinnützige Organisation, die sich weltweit für den Schutz von Flüssen einsetzt, indem sie in benachteiligte und indigene Jugendliche investiert, die eine enge Verbindung zu ihren lokalen Gewässern haben, und sie als nächste Generation von Umweltschützer*innen unterstützt. Ríos ist Mitglied und finanzieller Träger der „Rivers for Climate Coalition“.
Die „Rivers for Climate Coalition“ vereint Wissenschaftler*innen, indigene Organisationen, Naturschutzgruppen und Klimaaktivist*innen, die daran arbeiten, die strukturelle Kluft zwischen der Dringlichkeit des Schutzes frei fließender Flüsse und dem globalen Klimarahmen zu schließen. Zu den Mitgliedern zählen: Waterkeeper Alliance, International Rivers, GegenStrömung, Climate Water Trust, Save California Salmon, das Center for Environmental Law & Policy, die North American Rivers and Dams Alliance, Tell the Dam Truth und weitere.
Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an riversforclimate@gmail.com oder an Hayley Stuart unter hayley.stuart@riostorivers.org.






