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	<title>Fischpopulation &#8211; GegenStrömung</title>
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	<title>Fischpopulation &#8211; GegenStrömung</title>
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	<item>
		<title>Staudamm zur Stromversorgung der Aluminiumschmelze von Rio Tinto Alcan in British Columbia verletzt indigene Fischrechte</title>
		<link>https://www.gegenstroemung.org/blog/staudamm-zur-stromversorgung-der-aluminiumschmelze-von-rio-tinto-alcan-in-british-columbia-verletzt-indigene-fischrechte/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Christian Russau]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 15 Jan 2022 18:42:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
		<category><![CDATA[Frei Fließende Flüsse]]></category>
		<category><![CDATA[British Columbia]]></category>
		<category><![CDATA[Fischpopulation]]></category>
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					<description><![CDATA[[Symbolbild frei fliessende Flüsse. Foto: Verena Glass] Das Bundesgericht von British Columbia entschied Anfang Januar dieses Jahres, dass der Anfang der 1950er Jahre errichtete Kenney-Staudamm am Nechako River die traditionellen Fischrechte der indigenen Bevölkerung verletzt. Der Bundesrichter Nigel Kent urteilte, dass die angestammten, traditionellen Rechte der indigenen Saik&#8217;uz and Stellat&#8217;en auf ihren Fischfang &#8211; vornehmlich&#8230;]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>[Symbolbild frei fliessende Flüsse. Foto: Verena Glass]</p>
<p>Das Bundesgericht von British Columbia entschied Anfang Januar dieses Jahres, dass der Anfang der 1950er Jahre errichtete Kenney-Staudamm am Nechako River die traditionellen Fischrechte der indigenen Bevölkerung verletzt. Der Bundesrichter Nigel Kent urteilte, dass die angestammten, traditionellen Rechte der indigenen Saik&#8217;uz and Stellat&#8217;en auf ihren Fischfang &#8211; vornehmlich Stör und Lachs &#8211; durch den Staudammbau verletzt würden, da der Damm den Flusslauf verändere und die Fischpopulationen dadurch in Gefahr gerieten, <a href="https://www.cbc.ca/news/canada/british-columbia/first-nations-nechako-rio-tinto-1.6308025" target="_blank" rel="noopener">so Medienberichte</a>. Der Richter wies aber in der von den Saik&#8217;uz and Stellat&#8217;en bereits im Jahr 2011 eingereichten Klage gegen die Staudammeigentümerin, die Rio Tinto Alcan, die Forderung der Saik&#8217;uz and Stellat&#8217;en zurück, den Flusslauf des Nechako dergestalt zu ändern, dass die Fischerei- und Wasserrechte der First Nations wieder hergestellt werden. Der Bundesrichter sah es als erwiesen an, dass Rio Tinto Alcan alle Auflagen seitens der Regierung entsprechend der Gesetzgebung erfüllt habe. Somit deutet der Urteilsspruch des Richters auf die besondere Verantwortung von Land und Bund, <a href="https://vancouversun.com/news/supreme-court-of-b-c-rules-nechako-dam-a-nuisance-to-indigenous-fishing-rights">so Medien</a>.</p>
<p>Denn wenn der Urteilsspruch einerseits die indigenen Fischrechte durch den Damm verletzt sähe, aber andererseits dem Unternehmen bestätigte, alle gesetzlichen Anforderungen erfüllt zu haben, so deutet dies eine Kritik des Richters an der gesetzgeberischen Seite an, die eben gesetzliche Vorgaben hätte machen müssen, die in ihrer Konsequenz die indigenen Fischrechte nicht verletze. Da aber die Klage sich nicht gegen die Regierung richtete, entschied der Richter diesbezüglich nichts. Der Firma Rio Tinto Alcan wurde das Recht auf Fortführen des Dammes somit impliziert durch den Urteilsspruch erstmal gewährt, der Richter schloss es aber explizit nicht aus, dass es zu einer Verurteilung der Firma wegen Verletzung der indigenen Fischereirechte kommen könnte, wenn Gesetzesauflagen nicht eingehalten würden. Damit seien aber explizit nicht nur Strafzahlungen an den Staat, sondern auch die Möglichkeit der zivil- oder strafrechtlichen Klagen der betroffenen Indigenen gegen die verantwortliche Firma gemeint, also Entschädigungszahlungen. Sollte also die Gesetzgebung nun in Zukunft mehr auf das Grundrecht der Indigenen achten, so würde dies die Gesetzeslage und die damit zusammenhängenden Auflagen verschärfen.</p>
<p>Betroffene Indigene jedenfalls zeigten sich einerseits enttäuscht, dass ihrer Forderung nach Flusslaufänderung seitens des Gerichtes nicht nachgekommen wurde, aber begrüßten die gerichtlich erfolgte grundsätzliche Stärkung der indigenen Rechte. Das Urteil kann von den Parteien noch durch Berufung überprüft werden.</p>
<p>Der Nechako-Fluss wurde Anfang der 1950er Jahre nahe seiner Quelle am östlichen Rand der Kitimat Ranges aufgestaut, um die Alcan-Aluminiumschmelze in Kitimat mit Strom zu versorgen, die heute dem australischen Unternehmen Rio Tinto gehört. Infolgedessen wurden Gemeinden von dem 230 km langen Stauseesystem westlich des Damms umgesiedelt und das ursprüngliche Gebiet geflutet, der Fluss im Osten wurde erheblich verändert und mithin die Fischpopulationen in Mitleidenschaft gezogen.</p>
<p>// <a href="https://www.outro-mundo.org">Christian Russau</a></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Wiederholtes Fischsterben durch EDF-Wasserkraftwerk Sinop am Teles Pires-Fluss</title>
		<link>https://www.gegenstroemung.org/blog/wiederholtes-fischsterben-durch-edf-wasserkraftwerk-sinop-am-teles-pires-fluss/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Christian Russau]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 21 Aug 2020 09:26:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Proteste]]></category>
		<category><![CDATA[Staudämme]]></category>
		<category><![CDATA[EDF]]></category>
		<category><![CDATA[Fischpopulation]]></category>
		<category><![CDATA[Fischsterben]]></category>
		<category><![CDATA[Sinop]]></category>
		<category><![CDATA[Teles Pires]]></category>
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					<description><![CDATA[Betreiberin sieht Fischsterben als normalen Vorgang, der in der Umweltgenehmigung vorgesehen ist. Zum wiederholten Male sind hunderte von Fischen verschiedener Arten im Fluss Teles Pires infolge des Betriebs des Wasserkraftwerks Sinop in den Bezirken Cláudia und Itaúba, 70 Kilometer von der Kleinstadt Sinop entfernt im zentralbrasilianischen Bundesstaat Mato Grosso, gestorben. Das 400-MW-Wasserkraftwerk liegt in direkter&#8230;]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><strong>Betreiberin sieht Fischsterben als normalen Vorgang, der in der Umweltgenehmigung vorgesehen ist.</strong></p>



<p>Zum wiederholten Male sind hunderte von Fischen verschiedener Arten im Fluss Teles Pires infolge des Betriebs des Wasserkraftwerks Sinop in den Bezirken Cláudia und Itaúba, 70 Kilometer von der Kleinstadt Sinop entfernt im zentralbrasilianischen Bundesstaat Mato Grosso, gestorben. Das 400-MW-Wasserkraftwerk liegt in direkter Anbindung an die Soja-Route der Bundesstraaße BR-163. Zunächst gab es mehrere Berichte von Fischer:innen, die eine große Anzahl von Piau, Matrinchã, Pacu, Curimba, Cachara, Tucunaré und anderen Arten tot im Wasser treibend in der Nähe des Staureservoirs des Wasserkraftwerks sichteten. Die Fischer:innen nahmen Bilder von den vielen toten Fischen unterschiedlicher Größe und Gewicht auf, <a href="https://www.sonoticias.com.br/geral/sinop-tem-nova-mortandade-de-peixes-no-teles-pires/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">die an den Ufern des Flusses lagen</a>.</p>



<p>Die Betreiberfirma des Wasserkraftwerks, die Companhia Energética Sinop, die unter anderem der franzöischen EDF gehört, teilte zu dem Vorgang auf ihrer Webseite mit, dass &#8222;infolge der Dürre der Wasserstand des Reservoirs bis nahe an die Minimalgrenze gesunken ist und die Kraftwerksblöcke gestoppt werden mussten. Vor diesem Hintergrund wurden entlang des Kraftwerkstaudamms schwimmende Fischarten beobachtet. Sofort beauftragte das Unternehmen die Teams mit der Abholung der Kadaver und ihrem korrekten Bestimmungsort&#8220;. Presseberichten zufolge war der Wasserspiegel wegen Trockenheit stark gefallen, so dass die Turbinen abgeschaltet und die Überläufe geschlossen werden mussten. Zur Ursache erklärte die Companhia Energética Sinop: &#8222;Die aquatische Umwelt in der Nähe des Reservoirs kann sich vorübergehend verändern und sich gelegentlich auf die Fische auswirken. Es ist jedoch erwähnenswert, dass diese Art von Manöver zum Betrieb eines Wasserkraftwerks gehört und in der Umweltgenehmigung vorgesehen ist. Die Standortbedingungen werden beobachtet, um die Hypothese des eingetretenen Ereignisses unter Berücksichtigung der verschiedenen Aspekte zu bewerten, damit so schnell wie möglich die geeigneten Maßnahmen ergriffen werden können. Die Companhia Energética Sinop bekräftigt, dass sie die Gesetzgebung und die Umweltgenehmigungen einhält und ihr Engagement für die Umwelt und die Erzeugung sauberer und erneuerbarer Energie schätzt&#8220;, <a href="https://www.sinopenergia.com.br/show.aspx?idMateria=EVI+Tm97DzTZUSMbw5BL4g==" target="_blank" rel="noreferrer noopener">sagt das Unternehmen</a>. </p>



<p>Doch <a href="https://r9news.com.br/sema-e-hidreletrica-uhe-de-sinop-emitem-notas-sobre-mortandade-de-peixes-no-rio-teles-pires-video/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">lokale Medien</a> wollten diese Erklärung nicht so einfach stehen lassen. Laut Aussage eines anonym bleibenden Spezialisten war die Folge der Schließung der Anlage stehendes Gewässer, in dem es schnell an Sauerstoff für die im Wasser lebenden Fische mangelte. Denn, so der Spezialist, laut Umweltgenehmigung hätte die Firma vor Flutung des Staureservoirs bis zu 80 Prozent der im Gelände vorhandenen Vegetation entfernen müssen, damit diese absterbende Biomasse nicht später klimaschädliches Methan in die Umwelt entlasse und auch nicht zur Umkippung des Sees beitragen dürfe. Laut dem anonymen Spezialisten habe die Firma aber statt 80 nur 30 Prozent der Biomasse entfernt.</p>



<p>Die Umweltbehörden widersprechen zudem der Firma, dass Vorgänge wie solch ein Fischsterben durch die Umweltfolgenstudie als eine mögliche Folge definiert worden sei, die qua Umweltgenehmigung erlaubt wäre. Denn dies sind zwei verschiedene Sachen. Eine ist die Warnung vor dem Ereignis in der Umweltfolgenstudie, die andere wäre, dass die Umweltgenehmigung dies erlauben würde. (https://www.sonoticias.com.br/geral/sinop-tem-nova-mortandade-de-peixes-no-teles-pires/)</p>



<p>Dies war nicht das erste Fischsterben wegen des Wasserkraftwerks Sinop. Bereits im Februar 2019 starben rund 13 Tonnen Fisch und erst im März 2020 kam es <a href="https://globoplay.globo.com/v/8406698/">damaligen Presseberichten zufolge &#8222;zum größten Fischsterben seit der Inbetriebnahme des Wasserkraftwerkes&#8220;.</a></p>



<p>Dabei ist es seit Jahren bekannt, welche schwerwiegenden Auswirkungen Staudämme und Wasserkraftwerke auf die Fischbestände haben.</p>



<p>Beispiel Rio Madeira: Der Bau der zwei Staudämme am Rio Madeira, Jirau und Santo Antonio, hat zu einem Rückgang der Fischbestände um 40 Prozent geführt. Dies ging aus einer wissenschaftlichen Studie der Universidade Federal do Amazonas hervor, aus der <a href="https://epoca.globo.com/sociedade/estoque-pesqueiro-do-rio-madeira-reduzido-em-40-apos-construcao-de-hidreletricas-24264716" target="_blank" rel="noreferrer noopener">brasilianische Medien berichteten</a>. Laut Rogério Fonseca von der Universidade Federal do Amazonas und Ko-Autor der in Umweltzeitschrift Revista Ambio zusammengefassten Studie habe der durch die Staudammbauten veränderte Wasserfluss und die durch die Wehrfunktion der Dämme behinderte Fischdurchgängigkeit zu einem massiven Rückgang der Fischpopulationen und mithin der Erträge der Fischerinnen und Fischer geführt. Allein im Munizip Humaitá beliefen sich die Ertragsverluste demnach auf 342 Millionen Reais. In einigen Fällen berichteten die Fischerinnen und Fischer, dass sich ihr Fangergebnis von 200 bis 300 Kilo auf rund 50 Kilo reduziert habe. Der Pressebericht gab aber keine Erklärung über den Zeitrahmen dieser Fanggrößen an. Hinzu käme aber, so Rogério Fonseca, dass etliche der Fischerinnen und Fischer, die ihren Lebensunterhalt nicht mehr wie zuvor bestreiten könnten, sich illegalen Tätigkeiten, wie Holzfällen, Goldschürferei oder Landtitelbetrug zugewandt hätten, um ihr finanzielles Überleben zu sichern.</p>



<p>Jirau und Santo Antonio sind in den Medien zwei alte Bekannte. Jirau und Santo Antonio wurden <a href="https://www.kooperation-brasilien.org/de/themen/politik-wirtschaft/grossprojekte/staudamm-arbeiter-am-rio-madeira-wehren-sich-gegen-unzureichende-arbeitsbedingung">2011 berühmt-berüchtigt durch die Arbeiter*innenproteste</a> von zigtausenden Arbeiter*innen, die sich gegen die schlechte Bezahlung, schlechte Unterbringung und Verpflegung zur Wehr setzten. Jahre später schlug vor allem der Arbeitsstreik und die Revolte <a href="https://www.kooperation-brasilien.org/de/themen/landkonflikte-umwelt/hoffentlich-allianz-versichert...-und-mit-privatem-schiedsgericht-doppelt-abgesichert">juristische Kapriolen</a> zwischen Brasilien und Großbritannien, weil die Versicherer und Baufirmen sich um die Frage stritten, wer die Kosten für die Arbeiter:innenrevolte zu tragen habe und welcher Gerichtsort für die Klärung dieser Fragen zuständig sei: Die eigentlich zuständigen Gerichte in Brasilien oder der in den Beschaffungsverträgen (illegal, da gegen die Brasilianische Verfassung verstoßend) niedergeschriebenen Gerichtsort London des privaten Schiedsgerichtes Arias. Auch hier, nur en passant, zur Erinnerung die Namen der beiden großen Versicherungsunternehmen aus Deutschland, die sich für die Staudämme am Rio Madeira an den Versicherungsdienstleistungen beteiligten und stets betonten, es handele sich dabei um &#8222;grüne&#8220; Energie und die Umweltverträglichkeitsprüfungen würden genau studiert, es bestehe keine Gefahr für die Umwelt, und schon gar nicht für die Fischpopulationen: Am Versicherungspool von Santo Antonio beteiligte sich die Münchener Rück, und am Pool von Jirau die Allianz.</p>



<p>Zur Frage der durch Staudammbauten in Amazonien bedrohten Fischarten und den Rückgang der Fischerträge der unzähligen Kleinfischerinnen und -fischer gab es auch beim Bau des damals weltweit drittgrößten Staudamms, Belo Monte (auch hier wieder damals mit dabei: u.a. Allianz und Münchener Rück), viel Ärger, Streit und Ungereimtheiten. Nicht nur stellte sich nach Inbetriebnahme der ersten Turbinen heraus, dass die Turbinen große Bestände der Fische <a href="https://www.kooperation-brasilien.org/de/themen/landkonflikte-umwelt/umweltbehoerde-belo-montes-turbinen-zerhacken-zu-viele-fische">regelrecht zerhacken</a>. Schon vorher gab es Probleme: &#8222;Wir lebten vom Fischfang, nun ist da nichts mehr&#8220;, berichteten die Flussanwohnerinnen und -anwohner bereits 2011, da sich im Fluss wegen der Bauarbeiten für den Kofferdamm die Fischbestände bereits verringerten. Im gleichen Jahr hatte ein Bundesgericht die Bauarbeiten wegen der Bedrohung der Zierfischerei vor Ort zwischenzeitig gestoppt. Der Fisch im Xingu ist nicht nur Nahrungsquelle für die lokalen Flussanwohnerinnen und -anwohner, das Fangen und der Export von Zierfischen nach Übersee schaffen Arbeit und Einkommen für Hunderte von Familien vor Ort und sicherte deren Überleben. Im Jahr 2012 hatten 800 Fischerinnen und -innen dann die Baustelle von Belo Monte mehrtägig besetzt, um auf den starken Rückgang der Fischbestände hinzuweisen.</p>



<p>All dies hatte die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP), die im Auftrag der Bauherrin erstellt wurde, so nicht vorausgesehen. Die bedrohten Schildkrötenarten fanden Eingang in die UVP, medienwirksam wurden Schildkröteneier umgesetzt, aber Fernsehkameras zeichneten auch das unsachgemäße Verbringen der Eier auf, in ungeschützten Kübeln gestapelt. Die UVP sah einige lokale Fischpopulationen temporär durch die Bauarbeiten beeinträchtigt, aber nicht vom Aussterben bedroht. Dabei hatte selbst die Umweltbehörde Ibama in einer Stellungnahme im November 2009 sich darüber beschwert, dass politischer Druck ausgeübt werde und dass unklar bliebe, was mit dem Fischbestand geschehen wird auf den 100 Kilometern Flusslauf des Xingu, die zu 80 Prozent trocken gelegt werden durch den Staudammbau. Nur: diese Stellungnahme wurde damals leider als nicht öffentlich einsehbar deklariert.</p>



<p>2015 meldete sich eine Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die die Fischpopulationen von 400 Spezies des Xingu-Flusses untersucht haben. Die Forscherinnen und Forscher der Bundesuniversität von Pará vermeldeten dabei, zumindest einer der bislang als endemisch nur in der Großen Flussschleife des Xingu geltenden Fische, pacu-capivara (Ossubtus xinguensis), sei durch Belo Monte nun doch nicht vom Aussterben bedroht. Pacu-capivara, ein kleiner Fisch, sei auch flussaufwärts in von Belo Monte unbeeinträchtigten Populationen gesichtet worden. Also keine Gefahr? Nur stellte sich amals heraus, dass die Bundesumweltbehörde Ibama bereits 2010 diesen Fisch explizit als durch den Staudammbau bedroht eingestuft hatte. Wer hatte denn nun recht? Der seit Jahrzehnten in Amazonien lebende und forschende Wissenschaftler Philip Fearnside wies explizit auf die Bedrohung der Fische hin. Denn der Staudammbau behindere massiv die Migrationsbewegungen der Fische – und die lokalen Auswirkungen in der Großen Flussschleife, die bei dann nur noch 20-Prozent-Wasserfluss nicht mehr dem lokalen Habitat der Fische entspräche, trügen auch ihren Teil zur Auslöschung der Populationen bei. Es reicht nicht zu sagen, es gab vor dem Staudammbau ober- wie unterhalb des Staudamms Fischpopulationen, denn es bedarf immer einer Mindestgröße einer Fischpopulation zum Überleben, genauso wie es eben bei Wanderfischen die Fischdurchgängigkeit braucht.</p>



<p>Hinzu kommen grundsätzlich Bedrohungen bei Veränderungen von Fließ- zu Staugewässern mit vermindertem Sauerstoffgehalt in tieferen Wasserschichten. Ähnliche Schlussfolgerungen hatte im Jahr 2009 ein 40-köpfiges Team aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern von Universitäten über Belo Monte gezogen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kritisierten die unvollständigen und mit heißer Nadel gestrickten Umweltstudien scharf, wiesen auf die Widersprüche der Studien hin und mahnten, dass die sozialen Folgen und Konsequenzen für die Umwelt durch das Staudammprojekt Belo Monte schwerwiegend sein würden. Laut ihrer Analyse sind durch Belo Monte schätzungsweise 100 Fischarten bedroht. Bislang sind 26 Fischarten bekannt, die nur am Xingu vorkommen. Würden alle im Amazonasgebiet geplanten Dämme gebaut werden, so die Wissenschaftlerinnen bereits im Jahre 2009, würde dies sogar die Vernichtung von bis zu 1.000 Fischarten bedeuten.</p>



<p>Über das tatsächliche Ausmaß des Artenverlustes gibt es allerdings bis heute kaum verlässliche Angaben, denn die Artenvielfalt vor Ort ist immer noch viel zu wenig erforscht, um abschätzen zu können, welche Verluste durch Großprojekte verursacht werden. Die offizielle Liste der in Brasilien bedrohten Fischarten zählt 133 auf, unabhängige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sprachen einer Studie aus dem Jahr 2015 zufolge von 819 bedrohten Fischarten in Brasilien. Viele Studien, ebenso viele Meinungen. Wer hat denn nun recht? Schwer zu sagen. Ohne großangelegte, systematische Studien ist das nicht herauszufinden.</p>



<p>Die Journalist:innen des investigativen Portals A Pública wiesen ebenfalls bereits 2015 auf einen weiteren, eher unbeachteten Punkt hin: Die Umweltfolgenstudien zu Sozialem, zu Flora und Fauna bei Staudammbauten werden im Auftrag der Baufirmen von den Consultings erstellt, was schon hinreichend Anlass zu Kritik gibt. Aber mehr noch: Die Consultings partizipieren mitunter hinterher auch an den von ihnen zuvor geprüften Projekten. So hat Engevix Engenharia für den Staudamm Belo Monte die UVP erstellt – und Engevix Construções (von der gleichen Gruppe) hat hinterher zusammen mit Toyo Setal die elektromechanische Ingenieursdienstleistung für Belo Monte in Höhe von umgerechnet rund 300 Millionen Euro übernommen: siehe hierzu &#8222;<a href="https://www.kooperation-brasilien.org/de/themen/landkonflikte-umwelt/die-unertraegliche-leichtigkeit-der-umweltvertraeglichkeitspruefungen">Die unerträgliche Leichtigkeit der Umweltverträglichkeitsprüfungen</a>&#8222;. Ein Schelm, wer Böses…</p>



<p>Auch das Beispiel des am Tapajós bis Mitte 2016 von der Regierung in Planung stark vorangetriebenen, dann aber im August 2016 wegen Ungereimtheiten bei der Umweltverträglichkeit gestoppten Staudammprojekts São Luiz do Tapajós verdeutlicht die Problemlage der durch Staudammbauten ausbleibenden oder gar aussterbenden Fischpopulationen und was das für die Fischerinnen und Fischer bedeutet: Obwohl sich die Verfasserinnen und Verfasser der UVP zum Staudammprojekt São Luiz do Tapajós und deren Kritiker:innen einig sind, dass diese Staudämme Auswirkungen und Folgen haben, scheiden sich die Geister an der Frage, wie massiv und folgenschwer diese zu bewerten sind. So ist es unbestritten, dass der Bau des São Luiz do Tapajós-Staudamms einen Verlust von Biodiversität vor Ort zeitigen würde. Die UVP selbst erfasste unter anderem 1.378 Pflanzenarten, 600 Vogelarten, 352 Fischarten, 109 Amphibienarten, 95 Säugetierarten sowie 75 Schlangenarten. Wo aber die UVP beispielsweise von Beeinträchtigungen der Schildkröten, Flussdelfin- und Fischpopulationen spricht, die aber durch entsprechende Maßnahmen abgemildert werden könnten, werfen Kritiker:innen wie die Autor:innen der 2016 veröffentlichten Greenpeace-Studie der UVP vor, die Daten nicht angemessen bewertet zu haben, da diese Populationen durch den Staudammbau gar in ihrem (oftmals endemisch, also einzigartigen nur dort vorkommenden) Bestand als Population bedroht sind.<br />Und diese Fragen ziehen dann weitere Konsequenzen – auch für Fragen des bedrohten Rechts auf Nahrung und Ernährungssouveränität der betroffenen Bevölkerung – nach sich, wie eben das Beispiel der Fischpopulationen anschaulich klarmacht.<br />Für die Umweltverträglichkeitsprüfung zum Staudamm São Luiz do Tapajós wurde eine Erhebung der wirtschaftlichen Aktivitäten der im betroffenen Einzugsgebiet des Staudamms lebenden Flussanwohnerinnen und -anwohner vorgenommen. Demnach lebt die Mehrzahl der Betroffenen in Subsistenz, als Acker- und Kleinviehwirtschaft betreibende Kleinbäuerinnen und -bauern, deren hauptsächliche wirtschaftliche Aktivität in der Herstellung von Maniokmehl aus selbst angepflanzten Maniokwurzeln sowie aus Fischfang besteht. Diese verkaufen den von ihnen produzierten Überschuss an Maniokmehl und aus dem Fischfang an die lokal arbeitenden, aber dort nicht heimischen Goldschürfer:innen. So kommt es, dass eigentlich in Subsistenz lebende Kleinbäuerinnen und -bauern in Erhebungen auch als dem Dienstleistungssektor zugezählt werden, obwohl dies nur einen Randbereich ihrer beruflichen Aktivität darstellt, die eben vorwiegend von Subsistenzwirtschaft geprägt ist. 55% der im Einzugsgebiet des São Luiz do Tapajós-Staudamms am Fluss lebenden Menschen praktizieren Fischfang, für 31% von diesen ist dies ihre hauptsächliche wirtschaftliche Aktivität, so die UVP der Staudammplaner (Eletrobras/CNEC/Worley Parsons: RIMA. Relatório de Impacto Ambiental AHE Sao Luiz do Tapajós, Juli 2014, S. 67.). Dabei überwiegt die Nutzung des Fisches als Subsistenz, nur ein geringer Teil wird in den Kleinstädten Jacareacanga (80 t/Jahr) und Itaituba (400 t/Jahr) auf den wenigen vorhandenen Fischmärkten umgeschlagen (Ronaldo Barthem, Efrem Ferreira und Michael Goulding: As migrações do jaraqui e do tambaqui no rio Tapajós e suas relações com as usinas hidrelétricas, in: Ocekadi: Hidrelétricas, Conflitos Socioambientais e Resistência na Bacia do Tapajós / Daniela Fernandes Alarcon, Brent Millikan und Mauricio Torres [Hrsg.], Brasília 2016, S.483.), aber diese Daten sind dennoch enorm wichtig, um Rückschlüsse auf die Bedeutung der verschiedenen Fischpopulationen zu ziehen. Von den in der Umweltverträglichkeitsprüfung der Staudammplaner festgestellten 352 im Umfeld des geplanten São Luiz do Tapajós-Staudamm heimischen Fischarten (ältere Studien zum Tapajós zählten hingegen 494 Fischarten, siehe Ricardo Scoles: Caracterização ambiental da bacia do Tapajós, in: Ocekadi: Hidrelétricas, Conflitos Socioambientais e Resistência na Bacia do Tapajós / Daniela Fernandes Alarcon, Brent Millikan und Mauricio Torres [Hrsg.], Brasília 2016, S.35.) sind zwar nur 42% Wanderfische (siehe Eletrobras/CNEC/Worley Parsons: RIMA. Relatório de Impacto Ambiental AHE Sao Luiz do Tapajós, Juli 2014, S. 60.), aber die auf den Märkten von Jacareacanga und Itaituba feilgebotenen, lokal gefangenen Fische setzen sich Erhebungen zufolge wegen ihres massenhaften Vorkommens im Fluss zu 50 bis 90% aus saisonalen Wanderfischen zusammen, die zum Laichen andere Habitate aufsuchen (siehe Ronaldo Barthem, Efrem Ferreira und Michael Goulding: As migrações do jaraqui e do tambaqui no rio Tapajós e suas relações com as usinas hidrelétricas, in: Ocekadi: Hidrelétricas, Conflitos Socioambientais e Resistência na Bacia do Tapajós / Daniela Fernandes Alarcon, Brent Millikan und Mauricio Torres [Hrsg.], Brasília 2016, S.479.). Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Studien warnen ausdrücklich, dass der Zug dieser Wanderfische durch den Staudammbau abgeschnitten werde und dies so das Aussterben der Populationen in den durch Staudammbau von einander isolierten Gebieten zufolge haben könnte (siehe Ronaldo Barthem, Efrem Ferreira und Michael Goulding: As migrações do jaraqui e do tambaqui no rio Tapajós e suas relações com as usinas hidrelétricas, in: Ocekadi: Hidrelétricas, Conflitos Socioambientais e Resistência na Bacia do Tapajós / Daniela Fernandes Alarcon, Brent Millikan und Mauricio Torres [Hrsg.], Brasília 2016, S.490.).<br /><br />Dies verdeutlicht, worum es letztlich geht: Um das Recht auf Nahrung und Ernährungssouveränität.</p>



<p>// <a href="http://www.outro-mundo.org/">christian russau</a></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Staudämme am Rio Madeira reduzieren Fischbestände deutlich</title>
		<link>https://www.gegenstroemung.org/blog/staudaemme-am-rio-madeira-reduzieren-fischbestaende-deutlich/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Christian Russau]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 09 Mar 2020 12:57:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Belo Monte]]></category>
		<category><![CDATA[Proteste]]></category>
		<category><![CDATA[Staudämme]]></category>
		<category><![CDATA[Fischpopulation]]></category>
		<category><![CDATA[Jirau]]></category>
		<category><![CDATA[Santo Antonio]]></category>
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					<description><![CDATA[Neue Universitätsstudie bestätigt Rückgang der Fischbestände um 40 Prozent Das, wovor die Gegner*innen der Staudammbauten am Rio Madeira seit Jahren gewarnt haben, ist nun eingetreten und wissenschaftlich bestätigt worden. Der Bau der zwei Staudämme am Rio Madeira, Jirau und Santo Antonio, hat zu einem Rückgang der Fischbestände um 40 Prozent geführt. Dies geht aus einer&#8230;]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p><em>Neue Universitätsstudie bestätigt Rückgang der Fischbestände um 40 Prozent</em></p>



<p>Das, wovor die Gegner*innen der Staudammbauten am Rio Madeira seit 
Jahren gewarnt haben, ist nun eingetreten und wissenschaftlich bestätigt
 worden. Der Bau der zwei Staudämme am Rio Madeira, Jirau und Santo 
Antonio, hat zu einem Rückgang der Fischbestände um 40 Prozent geführt. 
Dies geht aus einer neuen wissenschaftlichen Studie der Universidade 
Federal do Amazonas hervor, aus der <a href="https://epoca.globo.com/sociedade/estoque-pesqueiro-do-rio-madeira-reduzido-em-40-apos-construcao-de-hidreletricas-24264716" target="_blank" rel="noreferrer noopener">brasilianische Medien berichten</a>.
 Laut Rogério Fonseca von der Universidade Federal do Amazonas und 
Ko-Autor des in Umweltzeitschrift Revista Ambio zusammengefassten Studie
 habe der durch die Staudammbauten veränderte Wasserfluss und die durch 
die Wehrfunktion der Dämme behinderte Fischdurchgängigkeit zu einem 
massiven Rückgang der Fischpupulationen und mithin der Erträge der 
Fischerinnen und Fischer geführt. Allein im Munizip Humaitá beliefen 
sich die Ertragsverluste auf 342 Millionen Reais, umgerechnet derzeit 65
 Millionen Euro. In einigen Fällen berichteten die Fischerinnen und 
Fischer, dass sich ihr Fangergebnis von 200 bis 300 Kilo auf rund 50 
Kilo reduziert habe. Der Pressebericht gibt keine Erklärung über den 
Zeitrahmen dieser Fanggrößen an. Hinzu käme aber, so Rogério Fonseca, 
dass etliche der Fischerinnen und Fischer, die nun ihren Lebensunterhalt
 nicht mehr wie zuvor bestreiten könnten, sich illegalen Tätigkeiten, 
wie Holzfällen, Goldschürferei oder Landtitelbetrug zugewandt hätten, um
 ihr finanzielles Überleben zu sichern.</p>



<p><br />Jirau und Santo Antonio sind in den Medien zwei alte Bekannte. Jirau und Santo Antonio wurden <a href="https://www.kooperation-brasilien.org/de/themen/politik-wirtschaft/grossprojekte/staudamm-arbeiter-am-rio-madeira-wehren-sich-gegen-unzureichende-arbeitsbedingung">2011 berühmt-berüchtigt durch die Arbeiter*innenproteste</a>
 von zigtausenden Arbeiter*innen, die sich gegen die schlechte 
Bezahlung, schlechte Unterbringung und Verpflegung zur Wehr setzten. 
Jahre später schlug vor allem der Arbeitsstreik und die Revolte <a href="https://www.kooperation-brasilien.org/de/themen/landkonflikte-umwelt/hoffentlich-allianz-versichert...-und-mit-privatem-schiedsgericht-doppelt-abgesichert">juristische Kapriolen</a>
 zwischen Brasilien und Großbritannien, weil die Versicherer und 
Baufirmen sich um die Frage stritten, wer die Kosten für die 
Arbeiter*innenrevolte zu tragen habe und welcher Gerichtsort für die 
Klärung dieser Fragen zuständig sei: Die eigentlich zuständigen Gerichte
 in Brasilien oder der in den Beschaffungsverträgen (illegal, da gegen 
die Brasilianische Verfassung verstoßend) niedergeschriebenen 
Gerichtsort London des privaten Schiedsgerichtes Arias. Auch hier, nur 
en passant, zur Erinnerung die Namen der beiden großen 
Versicherungsunternehmen aus Deutschland, die sich für die Staudämme am 
Rio Madeira an den Versicherungsdienstleistungen beteiligten und stets 
betonten, es handele sich dabei um &#8222;grüne&#8220; Energie und die 
Umweltverträglichkeitsprüfungen würden genau studiert, es bestehe keine 
Gefahr für die Umwelt, und schon gar nicht für die Fischpopulationen: Am
 Versicherungspool von Santo Antonio beteiligte sich die Münchener Rück,
 und am Pool von Jirau die Allianz.</p>



<p>Zur Frage der durch Staudammbauten in Amazonien bedrohten Fischarten 
und den Rückgang der Fischerträge der unzähligen Kleinfischerinnen und 
-fischer gab es auch beim Bau des weltweit drittgrößten Staudamms, Belo 
Monte (auch hier wieder damals mit dabei: u.a. Allianz und Münchener 
Rück), viel Ärger, Streit und Ungereimtheiten. Nicht nur stellte sich 
nach Inbetriebnahme der ersten Turbinen heraus, dass die Turbinen große 
Bestände der Fische <a href="https://www.kooperation-brasilien.org/de/themen/landkonflikte-umwelt/umweltbehoerde-belo-montes-turbinen-zerhacken-zu-viele-fische">regelrecht zerhacken</a>.
 Schon vorher gab es Probleme: &#8222;Wir lebten vom Fischfang, nun ist da 
nichts mehr&#8220;, berichteten die Flussanwohnerinnen und -anwohner bereits 
2011, da sich im Fluss wegen der Bauarbeiten für den Kofferdamm die 
Fischbestände bereits verringerten. Im gleichen Jahr hatte ein 
Bundesgericht die Bauarbeiten wegen der Bedrohung der Zierfischerei vor 
Ort zwischenzeitig gestoppt. Der Fisch im Xingu ist nicht nur 
Nahrungsquelle für die lokalen Flussanwohnerinnen und -anwohner, das 
Fangen und der Export von Zierfischen nach Übersee schaffen Arbeit und 
Einkommen für Hunderte von Familien vor Ort und sicherte deren 
Überleben. Im Jahr 2012 hatten 800 Fischerinnen und -innen dann die 
Baustelle von Belo Monte mehrtägig besetzt, um auf den starken Rückgang 
der Fischbestände hinzuweisen.</p>



<p><br />All dies hatte die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) , die im 
Auftrag der Bauherrin erstellt wurde, so nicht vorausgesehen. Die 
bedrohten Schildkrötenarten fanden Eingang in die UVP, medienwirksam 
wurden Schildkröteneier umgesetzt, aber Fernsehkameras zeichneten auch 
das unsachgemäße Verbringen der Eier auf, in ungeschützten Kübeln 
gestapelt. Die UVP sah einige lokale Fischpopulationen temporär durch 
die Bauarbeiten beeinträchtigt, aber nicht vom Aussterben bedroht. Dabei
 hatte selbst die Umweltbehörde Ibama in einer Stellungnahme im November
 2009 sich darüber beschwert, dass politischer Druck ausgeübt werde und 
dass unklar bliebe, was mit dem Fischbestand geschehen wird auf den 100 
Kilometern Flusslauf des Xingu, die zu 80 Prozent trocken gelegt werden 
durch den Staudammbau. Nur: diese Stellungnahme wurde damals leider als 
nicht öffentlich einsehbar deklariert.</p>



<p><br />2015 meldete sich eine Gruppe von Wissenschaftlerinnen und 
Wissenschaftlern, die die Fischpopulationen von 400 Spezies des 
Xingu-Flusses untersucht haben. Die Forscherinnen und Forscher der 
Bundesuniversität von Pará vermeldeten dabei, zumindest einer der 
bislang als endemisch nur in der Großen Flussschleife des Xingu 
geltenden Fische, pacu-capivara (Ossubtus xinguensis), sei durch Belo 
Monte nun doch nicht vom Aussterben bedroht. Pacu-capivara, ein kleiner 
Fisch, sei auch flussaufwärts in von Belo Monte unbeeinträchtigten 
Populationen gesichtet worden. Also keine Gefahr? Nur stellte sich 
heraus, dass die Bundesumweltbehörde Ibama bereits 2010 diesen Fisch 
explizit als durch den Staudammbau bedroht eingestuft hatte. Wer hatte 
denn nun recht? Der seit Jahrzehnten in Amazonien lebende und forschende
 Wissenschaftler Philip Fearnside wies explizit auf die Bedrohung der 
Fische hin. Denn der Staudammbau behindere massiv die 
Migrationsbewegungen der Fische – und die lokalen Auswirkungen in der 
Großen Flussschleife, die bei dann nur noch 20-Prozent-Wasserfluss nicht
 mehr dem lokalen Habitat der Fische entspräche, trügen auch ihren Teil 
zur Auslöschung der Populationen bei. Es reicht nicht zu sagen, es gab 
vor dem Staudammbau ober- wie unterhalb des Staudamms Fischpopulationen,
 denn es bedarf immer einer Mindestgröße einer Fischpopulation zum 
Überleben, genauso wie es eben bei Wanderfischen die 
Fischdurchgängigkeit braucht.</p>



<p>Hinzu kommen grundsätzlich Bedrohungen bei Veränderungen von Fließ- 
zu Staugewässern mit vermindertem Sauerstoffgehalt in tieferen 
Wasserschichten. Ähnliche Schlussfolgerungen hatte im Jahr 2009 ein 
40-köpfiges Team aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern von 
Universitäten über Belo Monte gezogen. Die Wissenschaftlerinnen und 
Wissenschaftler kritisierten die unvollständigen und mit heißer Nadel 
gestrickten Umweltstudien scharf, wiesen auf die Widersprüche der 
Studien hin und mahnten, dass die sozialen Folgen und Konsequenzen für 
die Umwelt durch das Staudammprojekt Belo Monte schwerwiegend sein 
würden. Laut ihrer Analyse sind durch Belo Monte schätzungsweise 100 
Fischarten bedroht. Bislang sind 26 Fischarten bekannt, die nur am Xingu
 vorkommen. Würden alle im Amazonasgebiet geplanten Dämme gebaut werden,
 so die Wissenschaftlerinnen bereits im Jahre 2009, würde dies sogar die
 Vernichtung von bis zu 1.000 Fischarten bedeuten.</p>



<p><br />Über das tatsächliche Ausmaß des Artenverlustes gibt es 
allerdings bis heute kaum verlässliche Angaben, denn die Artenvielfalt 
vor Ort ist immer noch viel zu wenig erforscht, um abschätzen zu können,
 welche Verluste durch Großprojekte verursacht werden. Die offizielle 
Liste der in Brasilien bedrohten Fischarten zählt 133 auf, unabhängige 
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sprachen einer Studie aus dem 
Jahr 2015 zufolge von 819 bedrohten Fischarten in Brasilien. Viele 
Studien, ebenso viele Meinungen. Wer hat denn nun recht? Schwer zu 
sagen. Ohne großangelegte, systematische Studien ist das nicht 
herauszufinden.</p>



<p><br />Die Journalistinnen und Journalisten des investigativen Portals A
 Pública wiesen ebenfalls bereits 2015 auf einen weiteren, eher 
unbeachteten Punkt hin: Die Umweltfolgenstudien zu Sozialem, zu Flora 
und Fauna bei Staudammbauten werden im Auftrag der Baufirmen von den 
Consultings erstellt, was schon hinreichend Anlass zu Kritik gibt. Aber 
mehr noch: Die Consultings partizipieren mitunter hinterher auch an den 
von ihnen zuvor geprüften Projekten. So hat Engevix Engenharia für den 
Staudamm Belo Monte die UVP erstellt – und Engevix Construções (von der 
gleichen Gruppe) hat hinterher zusammen mit Toyo Setal die 
elektromechanische Ingenieursdienstleistung für Belo Monte in Höhe von 
umgerechnet rund 300 Millionen Euro übernommen: siehe hierzu &#8222;<a href="https://www.kooperation-brasilien.org/de/themen/landkonflikte-umwelt/die-unertraegliche-leichtigkeit-der-umweltvertraeglichkeitspruefungen">Die unerträgliche Leichtigkeit der Umweltverträglichkeitsprüfungen</a>&#8222;. Ein Schelm, wer Böses&#8230;</p>



<p>Auch das Beispiel des am Tapajós bis Mitte 2016 von der Regierung in 
Planung stark vorangetriebenen, dann aber im August 2016 wegen 
Ungereimtheiten bei der Umweltverträglichkeite gestoppten 
Staudammprojekts São Luiz do Tapajós verdeutlicht die Problemlage der 
durch Staudammbauten ausbleibenden oder gar aussterbenden 
Fischpopulationen und was das für die Fischerinnen und Fischer bedeutet:
 Obwohl sich die Verfasserinnen und Verfasser der UVP zum 
Staudammprojekt São Luiz do Tapajós und deren Kritikerinnen und Kritiker
 einig sind, dass diese Staudämme Auswirkungen und Folgen haben, 
scheiden sich die Geister an der Frage, wie massiv und folgenschwer 
diese zu bewerten sind. So ist es unbestritten, dass der Bau des São 
Luiz do Tapajós-Staudamms einen Verlust von Biodiversität vor Ort 
zeitigen würde. Die UVP selbst erfasste unter anderem 1.378 
Pflanzenarten, 600 Vogelarten, 352 Fischarten, 109 Amphibienarten, 95 
Säugetierarten sowie 75 Schlangenarten. Wo aber die UVP beispielsweise 
von Beeinträchtigungen der Schildkröten, Flussdelfin- und 
Fischpopulationen spricht, die aber durch entsprechende Maßnahmen 
abgemildert werden könnten, werfen Kritiker wie die Autorinnen und 
Autoren der 2016 veröffentlichten Greenpeace-Studie der UVP vor, die 
Daten nicht angemessen bewertet zu haben, da diese Populationen durch 
den Staudammbau gar in ihrem (oftmals endemisch, also einzigartigen nur 
dort vorkommenden) Bestand als Population bedroht sind.<br /><br />Und diese
 Fragen ziehen dann weitere Konsequenzen – auch für Fragen des bedrohten
 Rechts auf Nahrung und Ernährungssouveränität der betroffenen 
Bevölkerung – nach sich, wie eben das Beispiel der Fischpopulationen 
anschaulich klarmacht.<br /><br />Für die Umweltverträglichkeitsprüfung zum 
Staudamm São Luiz do Tapajós wurde eine Erhebung der wirtschaftlichen 
Aktivitäten der im betroffenen Einzugsgebiet des Staudamms lebenden 
Flussanwohnerinnen und -anwohner vorgenommen. Demnach lebt die Mehrzahl 
der Betroffenen in Subsistenz, als Acker- und Kleinviehwirtschaft 
betreibende Kleinbäuerinnen und -bauern, deren hauptsächliche 
wirtschaftliche Aktivität in der Herstellung von Maniokmehl aus selbst 
angepflanzten Maniokwurzeln sowie aus Fischfang besteht. Dies liegt 
daran, dass der von ihnen produzierte Überschuss an Maniokmehl und aus 
dem Fischfang an die lokal arbeitenden, aber dort nicht heimischen 
Goldschürfer verkauft wird. So kommt es, dass eigentlich in Subsistenz 
lebende Kleinbäuerinnen und -bauern in Erhebungen auch als dem 
Dienstleistungssektor zugezählt werden, obwohl dies nur einen 
Randbereich ihrer beruflichen Aktivität darstellt, die eben vorwiegend 
von Subsistenzwirtschaft geprägt ist.<br /><br />55% der im Einzugsgebiet 
des São Luiz do Tapajós-Staudamms am Fluss lebenden Menschen 
praktizieren Fischfang, für 31% von diesen ist dies ihre hauptsächliche 
wirtschaftliche Aktivität, so die UVP der Staudammplaner 
(Eletrobras/CNEC/Worley Parsons: RIMA. Relatório de Impacto Ambiental 
AHE Sao Luiz do Tapajós, Juli 2014, S. 67.). Dabei überwiegt die Nutzung
 des Fisches als Subsistenz, nur ein geringer Teil wird in den 
Kleinstädten Jacareacanga (80 t/Jahr) und Itaituba (400 t/Jahr) auf den 
wenigen vorhandenen Fischmärkten umgeschlagen (Ronaldo Barthem, Efrem 
Ferreira und Michael Goulding: As migrações do jaraqui e do tambaqui no 
rio Tapajós e suas relações com as usinas hidrelétricas, in: Ocekadi: 
Hidrelétricas, Conflitos Socioambientais e Resistência na Bacia do 
Tapajós / Daniela Fernandes Alarcon, Brent Millikan und Mauricio Torres 
[Hrsg.], Brasília 2016, S.483.). Von den in der 
Umweltverträglichkeitsprüfung der Staudammplaner festgestellten 352 im 
Umfeld des geplanten São Luiz do Tapajós-Staudamm heimischen Fischarten 
(ältere Studien zum Tapajós zählten hingegen 494 Fischarten, siehe 
Ricardo Scoles: Caracterização ambiental da bacia do Tapajós, in: 
Ocekadi: Hidrelétricas, Conflitos Socioambientais e Resistência na Bacia
 do Tapajós / Daniela Fernandes Alarcon, Brent Millikan und Mauricio 
Torres [Hrsg.], Brasília 2016, S.35.) sind zwar nur 42% Wanderfische 
(siehe Eletrobras/CNEC/Worley Parsons: RIMA. Relatório de Impacto 
Ambiental AHE Sao Luiz do Tapajós, Juli 2014, S. 60.), aber die auf den 
Märkten von Jacareacanga und Itaituba feilgebotenen, lokal gefangenen 
Fische setzen sich Erhebungen zufolge wegen ihres massenhaften 
Vorkommens im Fluss zu 50 bis 90% aus saisonalen Wanderfischen zusammen,
 die zum Laichen andere Habitate aufsuchen (siehe Ronaldo Barthem, Efrem
 Ferreira und Michael Goulding: As migrações do jaraqui e do tambaqui no
 rio Tapajós e suas relações com as usinas hidrelétricas, in: Ocekadi: 
Hidrelétricas, Conflitos Socioambientais e Resistência na Bacia do 
Tapajós / Daniela Fernandes Alarcon, Brent Millikan und Mauricio Torres 
[Hrsg.], Brasília 2016, S.479.). Wissenschaftlerinnen und 
Wissenschaftler verschiedener Studien warnen ausdrücklich, dass der Zug 
dieser Wanderfische durch den Staudammbau abgeschnitten werde und dies 
so das Aussterben der Populationen in den durch Staudammbau von einander
 isolierten Gebieten zufolge haben könnte (siehe Ronaldo Barthem, Efrem 
Ferreira und Michael Goulding: As migrações do jaraqui e do tambaqui no 
rio Tapajós e suas relações com as usinas hidrelétricas, in: Ocekadi: 
Hidrelétricas, Conflitos Socioambientais e Resistência na Bacia do 
Tapajós / Daniela Fernandes Alarcon, Brent Millikan und Mauricio Torres 
[Hrsg.], Brasília 2016, S.490.). <br /><br />Dies verdeutlicht, worum es letztlich geht: Um das Recht auf Nahrung und Ernährungssouveränität.</p>



<p>// <a href="http://www.outro-mundo.org">christian russau</a></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Wütende Elephanten, sterbende Fische und ausgedorrte Äcker dank &#8222;Small is beautiful&#8220;</title>
		<link>https://www.gegenstroemung.org/blog/wuetende-elefenaten-sterbende-fische-und-ausgedorrte-aecker-dank-small-is-beautiful/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Christian Russau]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 26 Sep 2017 14:16:51 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Staudämme]]></category>
		<category><![CDATA[Elephanten]]></category>
		<category><![CDATA[Fischpopulation]]></category>
		<category><![CDATA[Gundia]]></category>
		<category><![CDATA[Indien]]></category>
		<category><![CDATA[Kleinwasserkraftwerke]]></category>
		<category><![CDATA[Netravathi]]></category>
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					<description><![CDATA[Von Christian Russau In Südindien, im Staat Karnataka, fliesst der Fluss Gundia, ein Zufluss des Netravathi-Flusses. Wegen seiner geologischen Lage scheint es Staudammbefürwortern ausgemacht, dass dies der ideale Ort für Wasserkraftwerke sei. Vor allem für sogenannte kleine Wasserkraftwerke. Dezentral und klein, dies sei doch beautiful, so die Maxime, da es dort zu deutlich weniger sozialen&#8230;]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Von <a href="http://www.outro-mundo.org">Christian Russau</a></p>
<p>In Südindien, im Staat Karnataka, fliesst der Fluss Gundia, ein Zufluss des Netravathi-Flusses. Wegen seiner geologischen Lage scheint es Staudammbefürwortern ausgemacht, dass dies der ideale Ort für Wasserkraftwerke sei. Vor allem für sogenannte kleine Wasserkraftwerke. Dezentral und klein, dies sei doch beautiful, so die Maxime, da es dort zu deutlich weniger sozialen und Umweltfolgenproblemen als bei Großstaudämmen käme. Aber stimmt das? Eine Feldstudie, die die Region zwischen den Jahren 1999 und 2013 untersuchte und sich dabei die Folgen von vier sogenannten Kleinwasserkraftprojekte vor Ort anschaute und <a href="https://www.ncbi.nlm.nih.gov/labs/articles/28074405/">deren Folgen analysierte</a>, kam zu anderen Schlüssen. Was das mit wütenden Elephanten, sterbenden Fischen und ausgedorrten Äckern dank &#8222;Small is beautiful&#8220; zu tun hat, wird hier erläutert.</p>
<p>In qualitativen Interviews mit den Bewohnern haben die Forscher zunächst festgestellt, dass es zwischen 1999 und 2004 &#8211; vor dem Bau der kleinen Wasserkraftwerke &#8211; insgesamt 248 Zwischenfälle zwischen Elefanten und Anwohnern gab. Die Elephanten zerstörten die Felder, drangen in Siedlungen ein und brachten Menschen in Gefahr. Nach dem Bau der vier kleinen Wasserkraftwerke in den Jahren 2005 bis 2013 stieg diese Zahl der Konflikte auf 2.030 an, eine Verachtfachung.</p>
<p>Die Ursache: durch die Fragmentierung des Wanderungsbiet der Elephanten mittels Leitungen, Kanälen, Straßen und infolge dessen auch Waldrodungen sowie durch Reduzierung der Wassermengen in den ursprünglichen Flussläufen und damit einhergehender vetrocknender Vegetation wie dem für die Nahrung der Elephanten unerlässlichem Bambus entlang der Flussläufe waren die Elephanten mehr und mehr in ihrem Lebensumfeld und in ihrer Ernährung eingeschränkt, so dass sie vermehrt auf die Felder und in die Dörfer der Menschen auf Suche nach Nahrung eindrangen. Hinzu kam es durch die sinkenden Wasserpegel der ursprünglichen Flussläufe zu zurückgehenden Fischpopulationen: Die Fische schwammen wie gewohnt saisonal zum Laichen flussaufwärts, strandeten aber wegen des geringeren Wasserstands auf Sandbänken, wo sie verendeten, was den Kleinfischern das Überleben schwerer machte, gar in etlichen Fälle ihre Ernährungssouveränität in Gefahr brachte. Und die verringerte Wassermenge reichte nach der Abzweigung für die Kleinwasserkraftwerke nicht mehr für die Bewässerung durch das traditionelle Kanal- und Leitungssystem für die lokale kleinbäuerliche Bewässerungslandwirtschaft. Dabei erwies sich zudem, dass jedes Kleinwasserkraftwerk lokale Folgen zeitigte, aber vor allem die Fülle der oft in Reihe geschalteten Kleinwasserkraftwerke dann über die lokale Ebene hinaus regional für die Menschen und die Umwelt gravierendere Folgen hatte, als zuvor angenommen. Möglich macht dies vor allem die Tatsache, dass Kleinwasserkraftwerke (nicht nur in Indien, in Brasilien besipielsweise auch) als harmlos gelten, mit geringen Impakten für Mensch und Umwelt, da sie eben &#8222;klein&#8220; seien, und dass dies eben die Begründung dafür ist, dass diese Kleinwasserkraftwerke keine Umweltverträglichkeitsprüfung und von daher keiner Umweltprüfung durch Behörden benötigen. Sie können einfach gebaut werden. &#8222;Small is beautiful&#8220;, macht es alles einfach &#8211; und bedenkt dabei nicht die potentiellen Folgen.</p>
<p>Das Beispiel Brasilien verdeutlicht dies: Eine Untersuchung über den Fall von Kleinwasserkraftwerken an den Zuflüssen des brasilianischen Pantanal sollte diesbezüglich noch weiter nachdenklich stimmen.</p>
<p>Eines der größten Binnenland-Feuchtgebiete der Erde, das brasilianische Pantanal, ist durch den Bau von Kleinwasserkraftwerken an den Zuläufen bedroht. Dies geht aus der neuesten Studie von Wissenschaftlern des Instituto Nacional de Ciência e Tecnologia em Áreas Úmidas (INCT-INAU) im Bundesstaat Mato Grosso hervor, die von der Bundesuniversität Mato Grosso <a href="http://www.ufmt.br/ufmt/site/noticia/visualizar/34247/Cuiaba">zitiert wird</a> (<a href="https://www.gegenstroemung.org/web/blog/kleinwasserkraftwerke-an-zufluessen-bedrohen-brasilianisches-pantanal/">GegenStrömung berichtete</a>). Demnach solle die Zahl der Kleinwasserkraftwerke an den Zuflüssen zu dem artenreichen, unter Naturschutz stehenden und seit 2000 zum Welterbe durch die UNESCO anerkannten Feuchtbiotop von gegenwärtig 41 durch 96 weitere Kleinwasserkraftwerke erhöht werden. Die Folgen, so die Wissenschaftler auf Basis ihrer dreijährigen Untersuchung, seien vor allem die Unterbrechung der nährstoffreichen Sedimentfracht unterhalb der Stauwerke, die Änderung des Flusslaufs und die Zunahme der Wassertrübung sowie die Beeinträchtigung der Fischmigration auf dem Weg zu den Laichgründen. &#8222;Wenn all diese 96 Vorhaben zusätzlich zu den bereits bestehenden 41 Kleinwasserkraftwerken in die Tat umgesetzt werden, gehen unsere Schätzungen davon aus, dass 30 Prozent der Fischmigrationsrouten verloren gehen&#8220;, so Professor Ibraim Fantin von der Bundesuniversität Universidade Federal de Mato Grosso (UFMT), der für die Studie &#8222;Auswirkungen von Wasserkraftwerken auf die Flüsse des Pantanal&#8220; (&#8222;Impactos das Hidrelétricas nos rios do Pantanal&#8220;) zuständig war.</p>
<p>Der Forscher Fantin warnte zudem vor der Verkennung der auch von Kleinwasserkraftwerken ausgehenden Gefahr für das Gleichgewicht der Natur und die Biodiversität. Denn die bis zu 30 Megawatt großen &#8222;Kleinwasserkraftwerke&#8220; werden oft in Reihe in den Flüssen gebaut, ohne dass deren kumulativen Effekte in Betracht gezogen würden. Die brasilianische Gesetzgebung biete eben diesen Kleinwasserkraftwerke, wenn ihre Stauseen kleiner als 13 Quadratkilometer seien, die Möglichkeit der Befreiung von den eigentlich vorgeschriebenen Umweltverträglichkeitsprüfungen an, die in Brasilien EIA-Rima heißen. Im Bundesstaat Mato Grosso, wo Zuflüsse des Pantanalgebiets fließen, obliege die Entscheidung, ob bei einem Kleinwasserkraftwerk eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchgeführt werden müsse, den Umweltbehörden des Bundesstaats. Diese analysierten in der Regel aber nur die jeweils lokal begrenzten Auswirkungen des jeweiligen Kleinwasserkraftwerks. Zusammentreffende und gegebenenfalls kumulierend wirkende Effekte würden nicht in Betracht gezogen, ebensowenig wie Folgen wie flussabwärts oder -aufwärts Beachtung finden würden in den Entscheidungen zum Bau von Kleinwasserkraftwerken, so die Forscher. &#8222;Dies sind die Faktoren, die uns in Bezug auf die Zukunft des Pantanal extrem besorgt sein lassen, zumal wir noch immer nicht genau wissen, was passieren wird, wenn all diese 96 Vorhaben umgesetzt werden&#8220;, so Ibraim Fantin.</p>
<p>Es gibt keine international gültige Definition eines „Kleinwasserkraftwerks“. Was als Kleinwasserkraftwerk zählt, variiert von Fall zu Fall. <a href="http://www.icold-cigb.net/GB/dams/definition_of_a_large_dam.asp">Laut der International Commission on Large Dams</a> gelten alle Staumauern ab 15 Metern Höhe vom Fundament bis zur Krone oder von 5 bis 15 Metern mit einem Reservoir von mehr als drei Millionen Kubikmetern Großstaudämme. In vielen Ländern wird aber dagegen eine Megawattzahl zur Klassifizierung herangezogen: In der Regel werden demnach Kraftwerke bis zehn MW Nominalkapazität als Kleinwasserkraftwerke angesehen, von zehn bis 30 MW gelten sie als mittelgroße Kraftwerke. Länder mit besonders hohem Wasserkraftpotenzial wie Brasilien, China und Indien betrachten dhingegen alle Kraftwerke bis 30 MW als „klein“, wie dem &#8222;Handbuch Kleinwasserkraftwerke des Eidgenössischen Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation UVEK / Bundesamt für Energie BFE: Handbuch Kleinwasserkraftwerke. Informationen für Planung, Bau und Betrieb, Ausgabe 2011&#8220; entnommen werden kann. So wird z. B. auch das Agua-Zarca-Projekt in Honduras immer wieder als harmlos klingendes &#8222;Kleinwasserkraftwerk&#8220; dargestellt. Auch bei Small Hydro ist also Vorsicht geboten: sie ist weder per se umweltfreundlich noch gleichbedeutend mit menschenrechtskonform.</p>
<p>Auch bei Small Hydro ist also grundsätzlich Vorsicht geboten, um die Umwelt vor &#8222;beträchtlichen Desillusionierungen und Umweltschäden zu bewahren&#8220;. So kommt eine umfassende <a href="http://www.research.lancs.ac.uk/portal/en/publications/trust-and-community-exploring-the-meanings-contexts-and-dynamics-of-community-renewable-energy{9e009e84285f804eca7493dc8c4a6bef7e81844e43bcb1306604e8ac820ea06f}28238bde19-8f5c-4649-b9e1-0b93b7b13638{9e009e84285f804eca7493dc8c4a6bef7e81844e43bcb1306604e8ac820ea06f}29/export.html">Studie zu Kleinst- und Kleinwasserkraftwerken</a> zu dem Schluss, dass es bei der Frage, ob ein Kleinenergieprojekt von den Betroffenen sozial und politisch akzeptiert wird, immer auf mindestens vier Faktoren ankommt: 1) Auf den Grad an Aufdringlichkeit und Kontroversität der angewandten Technologie; 2) auf die Größe des Projekts; 3) auf den Grad, zu dem die Vorteile durch das Projekt privat oder kollektiv waren sowie 4) auf den Grad, zu dem der Projektentscheidungsfindungsprozess als offen, partizipativ und das Gemeinwesen miteinbindend wahrgenommen wurde.</p>
<p>Es geht wie so oft um die Frage, inwieweit ein wirklich partizipativer Stakeholder-Ansatz bei der Beteiligung aller Betroffenen und Beteiligten zur Entscheidung von Projekten, die ein soziales Gemeinwesen betreffen könnten, garantiert wird.</p>
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