Aal und Lachs bald wieder frei in der Sélune flussaufwärts

In der großen Bucht des Mont-Saint-Michel haben die Gezeiten im Zusammenspiel mit den Mündungen dortiger Zuflüsse eine im Mittelpunkt von der Abtei Mont-Saint-Michel beherrschte Bucht französischen Wattenmeers geschaffen. Millionen Touristinnen strömen dort alljährlich hin, um das UNESCO-Weltkuturerbe zu besuchen. Was die Tourist*innen nicht wissen, dass sich entlang der Bucht und flussaufwärts nahezu unbemerkt eine kleine Revolution ereignet. Seit genau 100 Jahren staut das 5 MW-Nominal-Leistung aufweisende Stauwerk des Damms „la Roche-qui-Boit“ den Fluss Sélune, der in die Bucht des Mont-Saint-Michel mündet. 1919 wurde es errichtet, lieferte über die Jahrzehnte immer weniger Leistung, vor der Staustufe sammelte sich mehr und mehr an Sedimenten an, die flussaufwärts als Biodiversitätsgrundlage so wichtig gewesen wären und, vor allem, das Stauwerk verhinderte den freien Fischzug. Weniger Kilometer weiter steht noch der 1932 errichtete 12,6-MW-„Vezins“-Damm. Beide zählen nicht zu den größten Dämmen in Europa, im gegenteil, verhältnismässig klein, aber sie haben den gleichen Effekt wie große Dämme: Lachs und Aal kommen an ihnen nicht vorbei. Das nun seit 100 Jahren. Und genau das wird sich nun ändern.

Vor wenigen Tagen wurden die ersten Arbeiten zum Rückbau der zwei Dämme gestartet. Mit dem 35 Meter hohen Vézins-Damm wird das bisher größte Wasserkraft-Stauwerk in der Geschichte Europas zurückgebaut – und Lachs und Aal können demnächst auf 89 Kilometer Länge von der Bucht des Mont-Saint-Michel seit über 100 Jahren erstmal wieder frei in den Fluss Sélune ziehen.

Die Entscheidung dafür war im Jahr 2010 getroffen worden. Ab Mitte der 1980er Jahre waren in Frankreich angesichts der fünfhundert größeren Dämmen im Land, die direkt den Zug von Fischen und die Transportfracht der Sedimente zwischen Alpen und Pyrenäen einerseits und dem Meer andererseits verhinderten, sowie die im Land vorhandenen 2.000 Staudämme zur Energierzeugung und die zwischen 60 – 80.000 Wehre im ganzen Land den naturbewußten Menschen mehr und mehr ein Dorn im Auge, Proteste breiteten sich aus, Bürgerinitiativen für frei fließende Flüsse und zum Schutz für den Atlantischen Lachs und die Aale wurden gegründet, oft in Zusammenarbeit mit lokalen Anglervereinen. Diese Bewegung machte viele Jahre Druck, so dass zum einen die noch letzten damals weitestgehend freifließende Flüsse wie die Loire und ihre zwei Zuflüsse, Allier und Vienne, vor Zubauplänen geschützt wurden, was zur Folge hat, dass die Loire auf ihren Zuflüssen heute noch bis zu 800 Kilometer weitestgehend freien Flusslauf für den Lachs bietet und somit als Hotspot der Biodiversität gilt. Zum anderen wurde der öffentliche Druck so groß (und letztlich überzeugend), dass Pläne getroffen wurden, um den schrittweisen Rückbau der Dämme einzuläuten.
Zwischen 1996 und 1998 wurden in Frankreich, noch vor den ersten spektakulären Rückbauten von Dämmen in den USA, drei Dämme zurückgebaut, um den Wanderfischen ihre angestammten Laichwege zurückzugeben und um die für die Flussbiodiversität und die Stabilität des Flussdeltas so wichtige Sedimentfracht wieder frei fließen zu lassen: der Kernansquillec Dam, 15 Meter hoch, in der Bretagne am Léguer-Fluss, der Maisons-Rouges Dam, 4 Meter hoch, 200 Meter breit am Loire-Zufluss Vienne und der Saint-Etienne-du-Vigan Dam, 12 Meter hoch, am Loire-Zufluss Allier wurden zurückgebaut.
Und nun folgen die Rückbauten der zwei Dämme Vezins und La Roche qui boit in der Normandie, um dort dem Lachs und Aal wieder in seine angestammten Gebiete zum Laichen zurückkehren zu lassen. Im Laufe der Jahrzehnte des Bestehenes der Dämme – der Damm la Roche-qui-Boit wurde 1919 gebaut, der Vezins-Damm ging 1932 in Betrieb – haben sich seither hinter beiden Dämmen zusammen 400.000 Kubikmeter Sedimente angestaut, die in Zukunft dem Fluss wieder Sandbänke und Ufer zuteil werden lassen wird, an denen sich wieder neue Biotope bilden können. Der Rückbau wird zudem in seltener Einigkeit von Regierung, Behörden, Wirtschaftsvertretern, Anwohnern und Umweltverbänden einheitlich gutgeheißen.
Damit ist Frankreich in Europa Vorreiter, die anderen europäischen Länder müssen diesbezüglich noch ihre Hausaufgaben machen, um dem derzeitigen Vorbildland in Sachen Rückbau, den USA, nachzufolgen, – auch um die Vorgaben der EU über Flussqualität der EU-Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) einzuhalten. In den USA wurden zwischen 1996 und 2005 298 Dämme zurückgebaut. Zwischen 2006 und 2014 waren 548, allein 2014 waren es laut der Organisation American Rivers 72 Staudämme, die abgerissen wurden. Dadurch entstanden über eintausend Kilometer (730 Meilen) frei fließender Flusslandschaften, mit allen Möglichkeiten von freiem Fischzug, Sedimentfracht und ungezügelter Biodiversität. So werden seit Jahren in den USA statistisch mehr Staudämme abgerissen als neue gebaut. American Rivers hat dazu eine interaktive Landkarte erstellt, die den Rückbau von Staudämmen in den USA dokumentiert.

// Christian Russau

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