Am 29. Januar dieses Jahres haben die Comissão Pastoral da Terra (CPT) und der Conselho Pastoral dos Pescadores e Pescadoras (CPP) des Erzbistum Santarém sich in einer Verteidigungsschrift für den Rio Tapajós ausgesprochen und das Dekret 12.600/25 vehement abgelehnt, da es „den Weg freimacht für private Konzessionen und Auktionen, was direkt die Territorien von Indigenen und flussanwohnenden Ribeirinhos beeinträchtigen“ werde. All dies geschehe zudem ohne irgendeine vorherige Konsultation der traditionellen Gemeinschaften.
Von Christian Russau
Brasílias Dekret 12.600/25 vom 28. August vergangenen Jahres (siehe GegenStrömung hier) „[r]egelt die Aufnahme öffentlicher Bundesprojekte im Bereich der Wasserstraßen in das Nationale Entstaatlichungsprogramm.“ Damit wird die Umsetzung der neuen Politik zur Vergabe von Konzessionen für die Flüsse des Landes an den Markt – also eine neoliberale Privatisierung der Flüsse, so Kritiker:innen – einen Schritt weiter vorangebracht, und, besonders brisant: den Anfang dabei macht wieder einmal: Amazonien. Denn der Text des Dekrets 12.600/25 bezieht explizit die Wasserstraßen der Flüsse Tapajós und Tocantins in Pará sowie den Rio Madeira in Amazonas und Rondônia in das Nationale Privatisierungsprogramm (kurz PND) mit ein.
Am Tapajós ist demnach vorgesehen, dass der Fluss auf etwa 250 Kilometer schiffbar gemacht werden soll. Für Brasília ist klar: das bringt Entwicklung und Wachstum, könnte doch dann das Soja aus dem Mittleren Westen kostengünstiger und schneller an den Weltmarkt geliefert werden. Sollten die Wasserstraßenprojekte wie beispielsweise im Tapajós-Becken wie geplant realisiert werden, so erklären die Soja-Farmer:innen und ihre ruralista-Lobby im Nationalkongress schon lange explizit, dann würde dem brasilianischen Agrobusiness eine Kostenersparnis von satten 41 Prozent beim Transport ihrer Produkte blühen. Denn: Bislang, so klagen Soja-Farmer:innen vor allem im zentral gelegenen Mato Grosso, hätten sie bis zu viermal höhere Logistikkosten pro Tonne Soja als ihre Konkurrenten im Mittleren Westen der USA. Die geplanten Infrastrukturprojekte am Tapajós würden die Logistikkosten enorm senken und den Anbau von Soja im großen Stil in Regionen lohnenswert machen, die bislang von der Expansion der Agrarindustrie verschont geblieben waren. Dies würde brasilianische Agrargüter (und Mineralien) noch mehr auf dem Weltmarkt reüssieren lassen.
Für Kritiker:innen ist jedoch klar – den Tapajós schiffbar zu machen, dies dient den Interessen der Agrarindustrie und anderer Wirtschaftssektoren. Nun haben sich die kirchliche Fachstelle für Landfragen CPT und der Pastoralrat der Fischer und Fischerinnen CPP des Erzbistums von Santarém geäußert. Und diese sehen Brasílias Versprechen von Entwicklung und Wachstum ganz anders: als Verletzung der Konsultations- und Zustimmungsrechte der indigenen und traditionellen Völker.
Am 29. Januar dieses Jahres veröffentlichten die CPT und CPP eine „Verteidigungsschrift für den Rio Tapajós“, die wir hier in deutschsprachiger Übersetzung dokumentieren:
Verteidigungsschrift für den Rio Tapajós, 29. Januar 2026
Originalquelle: https://cptnacional.org.br/2026/01/29/nota-defesa-rio-tapajos/“30. Während die Qualität des verfügbaren Wassers ständig schlechter wird, nimmt an einigen Orten die Tendenz zu, diese knappe Ressource zu privatisieren; so wird sie in Ware verwandelt und den Gesetzen des Marktes unterworfen.” (ENZYKLIKA LAUDATO SI’ VON PAPST FRANZISKUS ÜBER DIE SORGE
FÜR DAS GEMEINSAME HAUS) (Anm.d.Ü.: siehe unter https://www.vatican.va/content/dam/francesco/pdf/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si_ge.pdf#page=30 )„Die Comissão Pastoral da Terra (CPT) und der Conselho Pastoral dos Pescadores e Pescadoras (CPP) des Erzbistums von Santarém stellen mit dieser öffentlichen Erklärung ihre tiefe Empörung und ihren entschiedenen Widerstand gegen die für den Tapajós-Fluss geplanten Privatisierungsprojekte mit Ausbaggerungsarbeiten dar, Arbeiten, die ausschließlich den privaten wirtschaftlichen Interessen multinationaler Getreideunternehmen weltweit dienen.
Der Tapajós-Fluss ist nicht eine einfache Wasserstraße. Der Fluss war schon immer ein Lebenssystem, ein pulsierendes Lebewesen, das den Wald erhält, das das Klima reguliert, das eine unvergleichliche Artenvielfalt beherbergt und das vor allem die physische, kulturelle und spirituelle Existenz der Flussanrainer:innen und indigenen Völker sichert, die diesen seit Jahrhunderten schützen und aus ihm ihren Lebensunterhalt beziehen.
Die Umsetzung dieses von der Bundesregierung geplanten Projekts, das den Tod des Tapajós-Flusses bedeutet und den Interessen multinationaler Agrarkonzerne dient, wird irreversible Veränderungen im aquatischen Ökosystem verursachen und die Qualität des von den einheimischen Bevölkerungsgruppen genutzten Wassers beeinträchtigen. Der Fischfang, der die Nahrungsgrundlage dieser Bevölkerungsgruppen bildet, wird irreparablen Schaden nehmen. Die Erosion wird die Wohngebiete und die gesamte wunderschöne Landschaft beeinträchtigen, auf die angestammt dort Lebenden so stolz sind und die in unserer Region für touristische Aktivitäten genutzt wird.
In diesem Sinne unterstützen wir die friedliche Demonstration, die von den indigenen Völkern des Baixo Tapajós vor dem multinationalen Unternehmen Cargill zur Verteidigung des Lebens und des Flusses Tapajós initiiert wurde, und schließen uns ihr an. Diese indigenen Völker verteidigen ein natürliches Recht, stützen sich aber auch auf die Verpflichtung zur Gewährleistung und Einhaltung der ILO-Konvention Nr. 169, die vorsieht, dass sie vor jedem Eingriff in ihre Gebiete angehört werden müssen.
Die in dem von der Bundesregierung unterzeichneten Dekret Nr. 12.600/25 vorgesehene Privatisierung des Tapajós-Flusses ebnet den Weg für private Konzessionen und Auktionen, was sich direkt auf die Gebiete der indigenen Völker und Flussanrainer auswirkt. All dies geschieht ohne vorherige Konsultation der indigenen Bevölkerung. Die Demonstration ist daher legitim und hat nur ein einziges Ziel: die Aufhebung des Dekrets Nr. 12.600/25.
Der Profit einiger Unternehmen darf nicht über das Leben ganzer Bevölkerungsgruppen und die Integrität eines für das globale Klimagleichgewicht wesentlichen Bioms gestellt werden. Der Tapajós-Fluss ist viel mehr wert als das Geld, das diese Unternehmen verdienen wollen. Seine Gewässer tragen Geschichte, Identität, Zukunft und Leben in sich.“




![Belo Monte. Foto: christian russau [2016]](https://www.gegenstroemung.org/wp-content/uploads/2018/02/DSCN7237-110x80.jpg)

![Flusswasser des Rio Doce nach dem Dammbruch der Samarco. Foto: christian russau [2016]](https://www.gegenstroemung.org/wp-content/uploads/2024/10/03-TI-Krenak-Wasser-2-scaled-110x80.jpg)
